Gedanken zum Sonntag

Unter den „Gedanken zum Sonntag“ finden Sie die Predigten und Ansprachen aus den Gottesdiensten in der Heilig-Geist Kirche, Burghausen zum Nachlesen und Herunterladen.

07.10.2018, Hartherzig gegen Weichherzig
27. Sonntag im Jahreskreis, Mk 10, 2-16
Predigt
Eine Falle wollten sie Jesus stellen, mit der Frage nach der Ehescheidung.
Ihre Frage richtet dabei den Blick auf das Scheitern – auf das Scheitern einer Beziehung und auf das – erhoffte – Scheitern Jesu.
Jesu Antwort aber zielt auf Beziehung, auf Gemeinschaft, auf zusammen gehören.
Jesus führt (wie so oft) auf eine ganz andere Spur!

Jesus war bekannt dafür, dass er für die Benachteiligten eintritt: für Kinder, für Sünder, für Witwen, für Frauen – die im jüdischen Gesetz keine Rechte als eigenständige Menschen hatten. Das Gesetz des Mose erlaubte es ausschließlich dem Mann, seine Frau zu entlassen – nicht umgekehrt.
Dagegen wendet sich Jesus – und zwar mit dem Schöpfungswillen Gottes.
Am Anfang der Schöpfung steht Gottes Ordnung – Gottes Traum - dass sich zwei in Liebe und Treue verbinden - dass sie zusammengehören, als ob sie eins seien, und dass sie es bleiben. Darauf verweist Jesus und verschärft damit noch das jüdische Eherecht.
Bis heute wird darüber gestritten wie das zu verstehen ist – als Rechtsvorgabe oder als Ideal, als Zielsatz, an dem man sich aus- und aufrichtet.

Die Unauflöslichkeit der Ehe ist ein Ideal und ein Anspruch – ohne Frage. Noch vielmehr aber ist es die tiefe Sehnsucht des Menschen und der Traum Gottes: dass es andauernde Liebe und unverbrüchliche Treue gibt, dass es eine Liebe gibt, auf die man (und frau) sich unbedingt, d.h. ohne Bedingun-gen, verlassen kann.

Das wäre schön!
Gelegentlich ist so eine Liebe im menschlichen Leben erfahrbar – Gott sei Dank! Immer wieder jedoch wird diese Sehnsucht enttäuscht.
Aber göttliche Liebe ist so: unverbrüchlich, unbedingt, treu, sogar über den Tod hinaus.
In diese göttliche Liebe hinein stellt Jesus menschliche Beziehungen.
„Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen“ – oft wird dieser Satz zitiert, wenn es um die Ehe geht, meistens mahnend.
Dieser Satz aus dem Evangelium zeigt aber auch, woher alle menschliche Liebe kommt, woher alle Kraft zur Treue kommt: aus der Treue Gottes und dem Vertrauen in ihn. Im Vertrauen auf Gott erwarten und erbitten wir immer wieder die Kraft zur Treue, die Ausdauer, einander „leiden“ zu können und den Mut zu verzeihen.
Das betrifft nicht nur eheliche, sondern alle menschlichen Beziehungen und Beziehungen zur Schöpfung.

Wir haben beim Bibelabend lange überlegt, wie die Geschichte mit den Kin-dern am Ende des Evangeliums zur Frage über die Ehescheidung davor passt. Wir haben uns geweigert, an eine zufällige Aneinanderreihung zu glauben.
In der Gegenüberstellung von „hartherzig“ und „weichherzig“ oder „offenherzig“ oder „warmherzig“ haben wir eine Spur gefunden.
Die Pharisäer wollten Jesus in die Falle locken, sie zeigten sich als hartherzig, wie auch die erlaubte Ehescheidung bei Mose ein Zugeständnis an menschliche Schwäche und Herzenshärte ist, wie Jesus sagt.
Kinder machen das Herz weich. Ein schlafendes Baby lässt uns lächeln und ein lachendes Kind macht uns selbst fröhlicher.
Die Jünger aber weisen die Leute, die ihre Kinder zu Jesus bringen wollen, ab, „schroff“ sogar. Vielleicht fühlten sie sich gestört in ihren ernsthaften Überlegungen, vielleicht waren ihnen die Kinder zu unruhig, zu laut oder zu unwichtig. Auf jeden Fall ließen sie sich nicht ihr Herz erweichen als die Kinder kamen.

Jesus wiederum wendet sich den Kindern zu. Er stellt sie als Beispiel hin für alle Erwachsenen, die Sehnsucht haben nach dem Reich Gottes, nach Gottes „Neuer Welt“: Nehmt Gottes Neue Weltordnung an wie ein Kind: mit offenem Herzen, vertrauensvoll, als Geschenk.

Wer sein Herz öffnet läuft Gefahr verletzt zu werden. Wer vertraut kann enttäuscht werden, wer liebt wird möglicherweise betrogen.
Wer trotz Verletzung wieder vertraut, wieder liebt, wieder sein Herz öffnet, hat Mut.
Mich getragen zu wissen von der unendlichen Liebe Gottes, mich geborgen zu fühlen in Gottes unbeirrbarer Treue hilft, nicht hartherzig zu werden, sondern mich immer wieder zu öffnen und dieser Treue zu trauen.

Im Haus Werdenfels, wo ich heuer Exerzitien gemacht habe, hing ein Bild: ein offenes – oder zerbrochenes – Herz in einer Schale aus gelb, rot und orange, wie in ein Kissen aus Licht und Wärme eingebettet. Das fällt mir ein, als ein Bild dafür, wie ein offenes Herz offen bleiben und ein verletztes, gebrochenes Herz geschützt sein und weich bleiben kann: in der Liebe Gottes geborgen.

Wir feiern heute Erntedank. Ein weiches Herz weiß um das Geschenk des Daseins.
Wir danken nicht nur für die Früchte der Erde, sondern für alles, was gelungen ist, was Frucht hervor gebracht hat: für die Äpfel und den Sellerie, für die Tiere und den Wald, für die Menschen, die uns in Freundschaft und Liebe verbunden sind und für die Kinder. Für die Stimmen, die sich erheben in Diskussion, Gespräch und im Gesang, für die Musik und für die Gedanken, die Dinge hervorbringen, die uns das Leben erleichtern und für die forschenden Gedanken, die uns im Leben weiter führen. Dafür, dass wir immer wieder unser Herz öffnen können und für die unbedingte Liebe Gottes.

Brigitta Neckermann-Lipp
30.09.2018, Aufsteigen mit Jesus
26. Sonntag im Jahreskreis, Mk 9,38-48
Predigt
Das Zauberwort…
Wir sind in Merseburg, der Stadt der Zaubersprüche. Das Wort ist vielfältig: Zauber. Abgesehen von der Zauberei zieht der Mensch, wenn er ein bezauberndes Wesen hat, die Blicke auf sich. Schwerwiegend ist es, wenn etwas entzaubert wird, also seinen vermeintlichen oder wirklichen Reiz verliert. Der Zauber meint etwas Besonderes, Einzigartiges. In diesem Sinn reimt der schlesische Dichter der Romantik Joseph von Eichendorff: „Schläft ein Lied in allen Dingen, die da träumen fort und fort, und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort“. Romano Guardini wiederum spricht vom „Passwort“, das jedem Menschen mitgegeben wird und das zu erkennen die alles entscheidende Lebensaufgabe ist. Das Zauberwort, das uns Jesus heute im Evangelium vorlegt, heißt Leben oder auch Königtum Gottes, Leben im oder nach dem Königtum Gottes.

…heißt Leben…
Alles wirkliche Leben hat Hand und Fuß, und dein Auge sollst du darauf werfen. Deine Hand: mit ihr halte fest, greif zu – und lass los; zeige, winke, streichle; arbeite und schreibe; gib sie dem, der dir begegnet und segne; rühr die Hand, erhebe sie, mit einem Wort: handle! Dein Fuß: mit ihm tritt auf, stell dich hin, zieh deine Füße auf das Bett zurück, damit du in die Waagerechte kommst und schlafen kannst; steh auf und versuche, in die Senkrechte zu kommen; steh, lauf, mit einem Wort: geh! Dein Auge: wirf es auf jemand oder auf etwas, reib sie dir, wenn du deinen Augen nicht traust, wasche sie, mach sie auf, schließe sie, schau hin oder auch: schau weg, mit einem Wort: schau! Hand und Fuß und Auge, sie machen das Leben aus und machen es schön, sie lassen es erfüllt sein und voller Freude. Handeln können, gehen können, schauen können, wie köstlich ist das, ja das ist Leben, und es ist bezaubernd, hinreißend, wahrhaft königlich, himmlisch: wenn es gelingt. –
Es gibt freilich den Punkt der Gefährdung. Beides ist nicht zu trennen, der Punkt des Gelingens und der Punkt der Gefährdung. Also gilt: Greif zu, aber vergreif dich nicht! Geh, aber vergeh dich nicht! Schau, aber verschau dich nicht. Wer hört nicht das Fürchterliche, das hinter den Wörtern steckt, die da mit ver- beginnen: Sich vergreifen, sich vergehen, sich verschauen. Es geht immer um den anderen, im Guten wie im Bösen. Wer sich am anderen vergreift, hat seine Hand und den andern missbraucht. Dann ist die Hand auf einmal ein Gefahrenpunkt, dann wird sie lebens - gefährlich. Dann braucht´s ein Eingreifen, damit das Vergreifen aufhört. Das Evangelium spricht klar davon. Jesus lässt da nichts in der Schwebe, nichts im Unklaren. Weil es ihm um das Leben geht.

… miteinander…
Zum Leben gehört der Aufstieg. Hab ich hier Aufstiegschancen? – so fragt der Mensch zu allen Zeiten. Kann ich was werden? Kann ich wer sein? Nicht stehen zu bleiben, sondern aufzusteigen, das ist dem Menschen gemäß. Es ist ihm nicht verwehrt, sondern geboten. Wieder gibt es den Punkt der Gefährdung. Der heißt nun: Versteig dich nicht! Dem, der drauf und dran ist, sich zu versteigen, sagen wir unmissverständlich: Du, kenn dich wieder! Bleib auf dem Teppich! Schau dir zu, was du anrichtest, wohin du dich und die anderen bringst! Wer sich versteigt, verlässt die Ebene, die er mit anderen geteilt hat, er sieht nur noch sich, wirft gewissermaßen sein Auge auf sich selbst, hat kein Auge mehr für die anderen, die er missachtet und geringachtet, verlacht, verspottet, verhöhnt. Wer sich versteigt, tritt das Recht mit Füßen, er misshandelt Recht und Menschen. Er macht sie zum Opfer. Da hört sich die Solidarität auf, es kommt zum Ärgernis: Der Arme wird noch wegen seiner Armut, der an Jesus Glaubende wegen seines Glaubens, der Kleine wegen seiner Unscheinbarkeit verachtet. Der Herr findet da, um das äußerste drohende Unheil und Unglück zu verhindern, um den absoluten Terror, den totalen Krieg, die nackte Gewalt abzuwehren, der Herr findet da nur noch den Mühlstein, der dem Ärgernis-Erreger um den Hals gehängt wird, damit er in die Tiefe des Meeres versenkt wird. Wer stimmt dem nicht zu? Aber wir führen hier keine Abstimmung durch. –

…nach der Maßgabe Jesu…
Jesus, der solches sagt, ist freilich selbst ein Aufsteiger. Er besteigt das Kreuz. Das ist er: Aufsteiger im Zeichen des Kreuzes, in dem für uns Auferstehung (!), Heil und Leben ist. So gilt schlussendlich: Als Gekreuzigter und Auferstandener ist Jesu für uns der Aufsteiger. Er breitet am Kreuz für alle die Arme aus. Für uns gilt entsprechend: Werde weit! Werde weit in deinem Herzen, damit es nicht eng wird um dich! Steig auf! Aber nimm die mit, die dir anvertraut sind! Du kommst dabei gewiss nicht zu kurz.

…und mit weitem Herzen.
In der Gesellschaft Jesu braucht es freilich ein weites Herz. Es entsteht im Kreis der Zwölf ein Problem und Johannes trägt es Jesus vor: „Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb; und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er uns nicht nachfolgt“. Da arbeitet einer ohne Lizenz, er hat keine Betriebserlaubnis, er hat seine Austreibungspraxis nicht angemeldet, er ist nicht zünftig. Das geht gar nicht. Bei uns geht das gar nicht, nicht nur bei den Zwölf. Wir haben ein Regelwerk, und das ist einzuhalten. Es wäre aber doch direkt ein Wunder, wenn Jesus nicht auch hier noch eine andere Perspektive einnehmen würde: „Hindert ihn nicht! Keiner, der in meinem Namen Wunder tut, kann so leicht schlecht von mir reden“. Da haben wir es: „in meinem Namen“. Im Namen Jesu, so lautet die Autorisierung, die Ermächtigung, die niemals Selbst-Autorisierung, Selbst-Ermächtigung sein kann. Jesus ist die Autorität, Jesus ist die Macht. Er ist der Bezugspunkt. Er ist der Raum ermächtigender Freiheit. In den bezieht er sogleich die Zwölf ein: „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns“. Es geht Jesus um das Leben, um das allen geschenkte, wiederhergestellte, erneuerte Leben, an dem mitzuwirken grundsätzlich alle gerufen sind. Dazu braucht es ein geweitetes Herz, und dass man sein Auge wirft auf die Menschen, mit denen uns Jesus zusammenführt. Das ist heute unsere Busgesellschaft, vermehrt um liebe Menschen aus St. Norbert. Das Leben, das Hand und Fuß hat, in dem jeder aufsteigen darf, orientiert sich für uns an Jesus Christus, der die Botschaft vom Königtum Gottes verkündet hat. Bleiben wir noch- jeder für sich – eine kleine Weile beim eigenen Leben.
Amen

Josef Fischer
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27.09.2018, Was wir gesehen haben
Im Kloster Helfta, Koh 1,2-11; Lk 9,7-9
Predigt
Auch auf die Gefahr hin, dass meine Gedanken mit der Frage enden, mit der sie beginnen, stelle ich sie jetzt: „Was haben wir gesehen?“ Das ist allein schon deswegen wichtig, weil Gefahr besteht, dass uns, wenn wir heimgekommen sind, doch jemand fragt: „Und! Was habt ihr jetzt gesehen in dieser Woche?“ Also, was haben wir gesehen? – Weites Land, Windräder, bewegt oder regungslos, das Spiel der Wolken. Ja, und dann haben wir so viele Behälter gesehen, kostbare, edle Steine; wertvolle, geschliffene Gläser; einen aus Metall getriebenen Arm, in dem ein Finger des hl. Thomas steckte. Die meisten Behälter – sie waren leer. Dann gab es auch die großen Behälter, die Dome und Kirchen, geschaffen und gebaut eigentlich nur für die Begegnung der Menschen mit dem Geheimnis ihres Lebens, mit Gott, mit Jesus Christus. 40 Altäre, so haben wir gehört und viele davon beim Rundgang gesehen, enthielt allein schon der Dom zu Halberstadt. Christus sollte gegenwärtig werden in der winzig kleinen, weißen Hostie, und der Christ sollte sie empfangen voll Glauben, damit Christus selbst zu begegnen. Ja, dafür waren die großen Dome und Kirchen gedacht, dass sie Behältnisse seien für das Zusammenkommen von Gott und Mensch. Die kostbaren Reliquienbehälter, heutzutage weithin leer und aufbewahrt in einer hochgesicherten Schatzkammer, des hohen materiellen Wertes wegen, sie enthielten Knochen oder Gewandstücke, die Überreste von Heiligen. Die Menschen damals waren überzeugt, dass sie bei der Berührung dieser Reliquien etwas von der Kraft empfingen, aus der die Heiligen gelebt hatten. Gesehen haben wir, wie gesagt, kleine und große Behälter. Doch, was haben wir in ihnen oder mit ihnen eigentlich gesehen? –

Mir ist eingefallen eine Szene, als ich ein Bub war und – merkwürdig genug – in Altötting eine Kirchenführung mitmachte. Es war in der Tillygruft. Tilly, der Feldherr des Dreißigjährigen Krieges, der auch hier im heutigen Sachsen-Anhalt gekämpft hat, liegt in einem Metallsarg und ein in den Sargdeckel geschnittenes kleines Fenster gibt den Blick frei auf den Totenschädel des Grafen Tilly. Die Führerin erzählt: Napoleon war hier, und „er wollte Tilly sehen“. Genau so sagte sie. Man schnitt für ihn den Sarg auf und bis heute können wir „Tilly sehen“. Was heißt nun „Tilly sehen“? Zu sehen ist Gebein, Knochen, ein Schädel. Ist das Tilly? Man sagt halt so, dass „er es ist“. Aber es sind nur Knochen, die man sieht. Die Frage, was man sieht, wenn man etwas sieht, spitzt sich zu. –

Die Idee, die Inspiration, heute von dem zu reden, oder besser: nach dem zu fragen, was man sieht, habe ich dem heutigen Evangelium entnommen, das der Leseordnung nach dran ist. Da ist der König Herodes ganz durcheinander, er weiß nicht mehr aus noch ein, weil er von Jesus gehört hat. Johannes sei er, sagen die einen, von den Toten auferweckt; Elija sei erschienen, sagen andere; ein Prophet sei auferstanden, meinen wieder andere. Da gibt Herodes zu erkennen, wer er selber ist, was er für einer ist. Er sagt: „Johannes habe ich selbst köpfen lassen“. Damit bringt er zum Ausdruck, dass er sich als Herr über Leben und Tod fühlt, dass er gewalttätig und selbstherrlich ist, und dass für ihn der tote Johannes tot ist; an eine Auferstehung denkt er nicht. Der so gebaute Herodes – ein Mann der Gewalt und des Unglaubens – fragt nun nach Jesus, wer der ist, „und er suchte, ihn zu sehen“. Wie könnte er Jesus sehen, den Mann des Erbarmens und der Treue?! Da führt so gesehen kein Weg hin. Er müsste, um Jesus zu sehen, sich ihm öffnen, ihm glauben, ihm vertrauen, ihn ihm das Leben erkennen. Der Ruf vor dem Evangelium lässt heute Jesus geradezu punktgenau im Hinblick auf die wenigen Verse des Evangeliums sagen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. So ist Jesus zu sehen, und so sieht ihn nur, wer an ihn glaubt. Davon aber ist Herodes weit entfernt. Er sieht folglich Jesus nicht als den, der er ist, so sehr er auch „suchte, ihn zu sehen“. Er sieht in ihm gewissermaßen nur den Behälter und nicht den Inhalt, das Reliquiar und nicht die Reliquie, den Hohen Dom und nicht das Gedächtnis Jesu in der Feier der hl. Messe, er sieht – wie sein ihm geistig Verwandter Napoleon, der nur den Totenschädel des Tilly gesehen hat, aber nicht diesen selbst – er sieht nur den, über den er „solche Dinge“ hört, aber nicht Jesus den Heiland, den Retter, den Erlöser. –

Wer der Wahrheit und der Liebe auf der Spur ist, der ruht nicht eher, bis er sie selber sieht. Das drückt treffend aus ein Vers der heutigen Lesung aus Kohelet: „Nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll“. Wenn etwas voll ist, stimmt es. Wenn aber ein Mensch „voll“ ist? Dann ist er betrunken. Und satt sein? Wie viele Menschen wären es gern und sind es nicht! Sie hungern. Wenn wir aber sagen: Ich hab´s satt, dann meinen wir: Es steht mir über, es ist mir zu viel, ich mag nicht mehr. Wenn wir hingegen durch das weite Land fahren und den Eindruck haben: nie wird das Auge satt vom Sehen, dann heißt das ja, dass ich gerne bin, wo ich gerade bin, dass ich es gerade nicht satt habe, weil´s doch so schön ist, dass ich immer noch etwas sehen will, ja, dass mein Verlangen nach mehr nicht nur im zahlenmäßigen Sinn, sondern nach dem endgültigen, ganz befriedigenden Sehen geweckt wird. Wer immer satt, übersatt ist, den verlangt bald nicht mehr nach dem Essen, und die beste Speise zieht ihn nicht mehr an. Schade. Dass man aufhört, wenn´s am besten schmeckt und dass man sich dann doch wieder auf die Mahlzeit freut: diese Spannung auszuhalten gehört wohl zu einem erfüllten Leben, und macht das wesentliche Sehen aus: Dass man nicht „ab-sieht“ (altbayrisch – umgangssprachlich), dass man nicht meint: Jetzt hat man´s, dass man nicht „zu“, nicht „voll“ ist, sondern dass man es immer noch „auf etwas absieht“ =auf etwas aus ist und weiß, dass man das eigentliche Ziel nicht hat, sondern dahin unterwegs ist. Würde man einmal sagen: Jetzt bin ich satt, jetzt habe ich mich satt- gesehen, dann bedeutet das: Jetzt sehe ich mir nichts mehr heraus, und das heißt dann aber: Jetzt ist es aus. –

Schön ist es, dass wir so viel Schönes gesehen haben auf unserer Fahrt – und noch sehen werden. Es kann in uns die Sehnsucht wecken nach dem bleibenden und wirklich Schönen, nach der Wahrheit und der Liebe, nach dem Inhalt, an dem wir uns nicht sattsehen und nicht sattessen. In der Feier der Eucharistie schauen wir auf den Herrn selbst, gegenwärtig als Leib Christi in der Gestalt des Brotes. Er ist der Blickfang, und von ihm her erhält das, was wir heute und morgen sehen, seinen Rang und seine Einordnung. Von ihm her bestimmt sich, was sehenswert ist. Fragen wir also in einem Augenblick des Innehaltens: Was haben wir wirklich gesehen?
Ja.
Amen
Josef Fischer
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25.09.2018, Wie Erkennen geht
Im Kloster Huysburg, Spr 21,1-6.10-13; Lk 8,19-21
Predigt
1. Der Weg des Erkennens führt von draußen nach drinnen, …
Man kann eine Reise machen mit dem berühmten Finger auf der Landkarte. Man kann auch wo hinfahren, (sich) schnell ein Bild machen, und doch nichts gesehen haben. Man kann eine Gegend, ein Land befahren, und doch nicht drinnen gewesen, nichts inne geworden sein. Wer wirklich erkennen will, darf nicht draußen (stehen) bleiben, er muss hineingehen. Nun hören wir heute im Evangelium von der Mutter Jesu und seinen Brüdern, wie sie sich bei Jesus einfinden, wegen der Leute aber nicht mit ihm zusammentreffen können. Es wird ihm berichtet: „Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen dich sehen.“ Da haben wir es: „Draußen“ bleiben sie. Ich meine das im übertragenen Sinn. Sie bleiben draußen, d. h. sie stoßen nicht zu dem vor, der Jesus geworden ist. Für sie ist er immer noch gewissermaßen der Bua und der Bruader. Der ist er natürlich (!) und der bleibt er auch. Aber er ist auch und vor allem ein anderer geworden. Der, den seine Mutter und seine Brüder „sehen“ wollen, den gibt es eigentlich gar nicht mehr. Wenn unsereins, wiewohl längst groß geworden und erwachsen, von einem zugegebenermaßen dann jetzt doch schon sehr alten Menschen getroffen würde, und der käme nicht über das Bild hinaus, das er von uns als Kind gehabt hat, dann würden wir ihm klar zu machen versuchen, dass wir jetzt wer anderer sind. Wenn uns jemand verstehen und erkennen will, muss er schon sein altes Denk- und Erfahrungsgebäude verlassen und in das „Haus“ eintreten, das unsere jetzige Lebenswelt beschreibt. Er muss das Bild aufgeben, das er sich von uns gemacht hat. Er muss von draußen nach drinnen gehen.

2. …bedeutet Zeit, Liebe und Mühe…
Freilich gibt es auf diesem Weg des Erkennens Hindernisse. „Wegen der Leute“, heißt es im Evangelium, können sie nicht mit Jesus zusammentreffen. Aber diese Rede, die eine Ausrede ist, gilt nicht. Man muss sich bemühen, ins Haus hineinzukommen. Das erfordert Zeit, Liebe und Mühe. Da kann uns die Lesung aus dem Buch der Sprichwörter helfen, von Thomas vorgetragen. Die ist ja ganz „lustig“ (damit ich eigentlich: sehr scharf und unmissverständlich), und sie sagt an einer Stelle: „Der hastige Mensch leidet Mangel“. Das Gegenteil von hastig heißt nun freilich nicht, dass man die Hände in den Schoß legt und nichts tut. Unsere Reise bedarf ja auch der Ideenfindung, der Überlegung und Planung, der Organisation, das ist keine Frage. Aber „hastig“ ist nicht gut, weil nicht zielführend. Man muss sich schon Zeit nehmen. Und „die Leute“ sind immer gut als Argument zu gebrauchen, wenn es einem zu mühsam ist. Nein, um zu erkennen, bedarf es, um den Weg von draußen nach drinnen zu beschreiten, der Anstrengung, der Aufmerksamkeit, der Arbeit geradezu.

3. …und will die Person des anderen erreichen
Als sie im Evangelium Jesus berichten, seine Mutter und seine Brüder stünden draußen und wollten ihn sehen, da stellt er ihnen eine Frage: „Meine Mutter? Und meine Brüder?“ Ja, er kennt und er nennt auch andere Mutter und Brüder. „Die Hörer und Täter des Wortes Gottes“ nennt Jesus Mutter und Brüder. Die sich also ihm öffnen, seiner Botschaft, und darüber hinaus, oder besser: dahinter, seiner Person, ihm selbst, dem Verkünder des Wortes, ja dem Wort schlechthin, dem Wort selbst. Da kommt auch Maria, seine Mutter, wieder ganz zu ihrem Recht, weil sie gewissermaßen die erste Hörerin und Täterin seines Wortes geworden ist (vgl. Joh 2,1-11; besonders die Verse 3-5). Unser Weg der Erkenntnis, unser Versuch, einen Menschen zu erkennen, führt uns immer von draußen nach drinnen (1), bedeutet immer Zeit, Liebe und Mühe (2), und will die frei gewordene Person des anderen erreichen (3).

Was von jedem Menschen gilt, gilt freilich – dafür haben wir ja das Evangelium – besonders und ein-malig von der Person Jesu. Ihn zu erkennen bedeutet den gleichen Weg wie er bei jeder Menschenerkenntnis nötig ist. Freilich sind die Möglichkeiten des Missverständnisses, ja des Ärgernisses, noch größer. Aber tröstlich ist in jedem Fall, dass es einen Weg gibt. Der wird nicht nur im Kopf gegangen – so wie man eine Reise nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte tut -, es braucht dazu den Gehör – Gang und dass man´s tut: Es, das was Gott will.
Überlegen wir eine kleine Weile: wo könnte oder sollte ich mich auf den Weg vom Draußen nach Drinnen machen, damit es zu einem wirklichen Verstehen kommt.
Ja.
Amen
Josef Fischer
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02.09.2018, Das Herz spricht zum Herzen
22. Sonntag im Jahreskreis, Mk 7,1-8. 14-15. 21-23
Predigt
Über der Gluthitze und der Staubtrockenheit dieses Sommerst ist es September geworden. Wir haben uns am Ende der Ferienzeit wieder hier eingefunden, wir sind beim Herrn versammelt. Er ist in unserer Mitte, er ist die Mitte, er ist der entscheidende Gedanke, er ist die Vernunft: der Logos.
Er ist das Herz.

1. Das Herz
Damit sind wir bei einem Stichwort des Evangeliums. (Das Stichwort ist ein Wort, bei dem es einem einen Stich gibt, womöglich einen Stich ins Herz.) Das Herz. Die Pharisäer haben sich um Jesus versammelt, sogar von Jerusalem sind einige von den Schriftgelehrten hergekommen. Und schon haben sie an den Jüngern etwas auszusetzen. Die essen fröhlich drauflos, ohne sich vorher rituell gereinigt zu haben. Das Zeremonielle und Rituelle, dass man´s so macht und nicht anders, auch wenn man gar nicht mehr weiß, warum, das lag den Pharisäern am Herzen. Der Platz am Herzen ist bei ihnen gewis-sermaßen mit Äußerlichkeiten besetzt, mit dem schönen Schein, mit der Fassade. Auf das Herz aber kommt es an. Jesus stellt sich in die prophetische Tradition seines Volkes und zitiert Jesaja: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lip-pen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. Vergeblich verehren sie mich, was sie lehren sind Menschengebote“. In kritischer Weise redet Jesus vom Herzen, und er redet ihnen zu – Herzen – gehend. Es ist einfacher, äußerlich die Form zu wahren als sein Herz zu öffnen. Was ist gemeint mit dem Herzen? Es meint die Mitte, die alles zusammenhält, von der alle Kraft ausgeht und wieder hinführt. Der Mensch hat zu seiner Mitte gefunden, der wie das menschliche Herz stark ist im Empfangen und im Geben, der in der Balance ist. Der Mensch hat ein Herz, der von innen gesteuert ist und lebt, der ein Innenleben hat, den man nach seinem Innern fragen kann. Vom Herzen kommt, vom Herzen spricht der Mensch, der dabei ist, zum Frieden zu finden, das Seine zu ordnen. Was Jesus fordert ist Herzenserkenntnis statt Lip-penbekenntnis. -

2. Die Herzlosigkeit
Dann wird Jesus sagenhaft konkret, und er zählt auf, was an bösen Gedanken aus dem herzlosen Innern, aus dem fried-losen, dem halt-losen, dem leblosen Herzen kommt. Er bekennt Herzlosigkeiten: “Unzuchtgedanken, Die-bereien, Mordtaten, Ehebrüche, Habsuchtsbegierden, Bosheiten, Arglist, Ausschweifung, böses Auge = neidischer Blick, Lästerung, Hochmut, Unvernunft“. Die ersten 6 herzlosen, aus bösem Herzen kommenden Vergehen sind Mehrzahlworte, die letzten 6 stehen in der Einzahl. Jedes könnte einen Gesprächsabend mühelos füllen, spannend, aufschlussreich, vielleicht beklemmend, hoffentlich lösend, erlösend. Die Unzuchtgedanken zum Beispiel. Zucht bedeutet ursprünglich „das Ziehen“ im Sinn von Aufziehen, Erziehung; Nachkommenschaft; Disziplin, Strafe, Anstand, Sittsamkeit. Es geht bei der Erziehung darum, das „Leben – in – Beziehungen“ zu lernen. Um was es da geht, das ist die Frage. Wenn das Arbeiten, das Tätigsein für den Menschen wichtig ist und ebenso, dass er ein Angehöriger ist, ein Gefährte, ein Genosse, dass er ein Liebender ist, dann kann er das nur „mit Herz und mit Hand“ sein. Sonst stimmt was nicht. Anstand und Sittsamkeit müssen aus dem In-nern kommen, und nicht lediglich außen antrainiert sein. Zum anderen Bei-spiel: die Unvernunft. Da gibt es das Sprichwort: Wenn die Vernunft einschläft, erwachen die Ungeheuer. „Kenn dich wieder!“ Sagt man zu dem, der gerade eine zerstörerische Allmachtsphantasie auslebt, oder zu einem, dem es um die Durchsetzung seines Rechtsstandpunktes mit allen Mitteln geht, und wenn darüber die Welt untergehen sollte. „Sei doch vernünftig!“ Möchte man dem zurufen, der jedes Maß und jede Mitte verloren hat.

3. Ich gebe mein Herz
Jesus hat versucht, aus seinem Herzen sprechend die Herzen der Menschen zu erreichen. Er ist der –mit–sich–Eine, der mit-sich-im Reinen, er ist Empfänger und Geber, er hat – wenn man so will – ein allerreichstes Innenleben, er hat ein Herz, er ist das Herz. Der Beherzte ist er, der sich traut, den Kampf mit den Mächten der Herzlosigkeit aufzunehmen. Der will auch in der Welt von heute geführt werden. Fass dir ein Herz! Hab Mut, heißt das, und bring dich ins Spiel. Verspiel aber nicht dein Herz, bilde dein Herz nach dem Herzen Jesu. Dann gelingt unser Leben, das ein einziges Beziehungsgeschehen ist. Dann gelingt Gedanke und Gefühl, Gespräch und Gebet, dann lebt unser Gottesdienst als ein Geschehen, das vom Herzen Gottes unsere Herzen erreichen will. Dann können wir aus vollem Herzen Credo sagen: Cor do = Ich gebe mein Herz.
AMEN.
Josef Fischer
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01.07.2018, Ich bin mit Euch!
Hochfest Hl. Valentin – 1. Patron der Diözese Passau, Mt 28,16-20
Predigt
Ein kleines Kind wacht in der Nacht auf, vielleicht hat es schlecht geträumt. Es ist dunkel und ist einer namenlosen Angst ausgeliefert. Chaos will hereinbrechen. Es schreit, es schreit nach der Mama. Die Mutter, und vielleicht nur sie allein, hat die Macht, das Chaos zu bannen. Sie nimmt das Kind in den Arm, wiegt es, macht das Licht an und Wärme breitet sich aus. Sie spricht zum Kind oder singt eine beruhigende Melodie. Der Grundtenor ist auf der ganzen Welt in allen Sprachen derselbe. „Hab keine Angst“, „Alles ist in Ordnung“, „Alles ist wieder in Ordnung“. Das Kind beruhigt sich und kann wieder einschlafen. In Vertrauen kann es wieder einschlafen. Der amerikanische Soziologe Berger stellt die Frage, ob die Mutter das Kind in dieser Situation nicht belügt. Und er antwortet: Nur wenn ein religiöses Verständnis des menschlichen Daseins Wahrheit enthält, kann die Antwort aus vollem Herzen »Nein« lauten. Eltern übernehmen die Rolle, dass unser Vertrauen einen Sinn hat. „Alles ist in Ordnung, Alles ist wieder gut.“ Es ist die Grundformel mütterlichen Trostes. Nicht nur diese eine Angst, nein, alles ist in Ordnung.

Warum erzähle ich dieses Beispiel? - Weil es uns direkt zum heutigen Text führt, dem Ende des Matthäusevangeliums. Die Jünger sind nach der Auferstehung nach Galiläa auf den Berg einbestellt. Was wird von ihnen gesagt? Sie sehen Jesus, sie verneigen sich, aber sie zweifeln auch. Die Aktionen der Jünger sind uns bekannt. Uns geht es nicht anders. Auch wir suchen ihn, wir verneigen uns vor seiner Gegenwart. Aber uns überfallen auch Zweifel. Das gehört zum Menschsein. Auch die Jünger im Evangelium werden so des Öfteren beschrieben. Denken wir nur an Petrus, der voll Vertrauen aus dem Boot steigt und über’s Wasser zu Jesus geht, doch dann überfallen ihn Zweifel und er bekommt Angst. Er schreit wie das kleine Kind.

Wie reagiert Jesus? Er lässt sich sehen, er kommt heran und redet mit ihnen – wie die Mutter. Er gibt ihnen eine Gewissheit: Ich bin mit euch – nicht nur heute, sondern alle Tage! Mit dieser Zusage im Rücken ist alles wieder gut, die Zweifel werden klein und das Vertrauen mächtig. Die chaotischen Gefühle weichen und die Ordnung ist wiederhergestellt. Diese Zusage ‚Ich bin mit euch‘ ist zentral für den Evangelisten. Es ist die Klammer und hält die jesuanische Botschaft zusammen. Im ersten Kapitel wird Jesus als der Immanuel bezeichnet, als der Gott ist mit uns. Die an Jesus Glaubenden sind nicht allein. Das ist die Grundformel des göttlichen Trostes für uns Menschen, die sich in die Spur Jesu begeben haben. Das ‚Ich bin mit Dir‘ Gottes spendet Trost, gibt Sicherheit und lässt uns hinausgehen. Auch davon ist heute die Rede. Der Auftrag des Auferstandenen an die Jünger heißt hinauszugehen zu allen und diese Botschaft des Trostes und des Vertrauens zu bringen. Es versteht sich von selbst, dass dafür Feingefühl nötig ist. Die Brechstange ist verkehrt, das hat uns nicht nur die Geschichte gelehrt und lässt den Begriff missionarisch für manche auch heute noch etwas verdächtig klingen. Trotzdem braucht unsere Welt diese gute Nachricht wie vor 2000 Jahren. Niemand ist allein, weil Gott mit uns ist. Durch die Taufe sind wir hineingenommen in diesen Raum des Vertrauens und der Nähe Gottes. Die Weisungen Jesu, wie sie Matthäus in der Bergpredigt überliefert hat, sind alles Verkehrszeichen, die uns in diesen weiten Raum der Gottes- und Nächstenliebe führen. Da lässt es sich gut sein. Da ist alles in Ordnung.

Amen.
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03.06.2018, Jesus ist der Herr zum Heil des Menschen
9. Sonntag im Jahreskreis, Mk 2,23 – 3,6
Predigt
Mit dem heutigen 9. Sonntag im Jahreskreis wird – nach der Unterbrechung durch die Fasten- und Osterzeit – die Lesung aus dem Markusevangelium wieder aufgenommen und fortgesetzt. Es umfasst insgesamt 16 Kapitel. Heute sind wir erst am Ende des 2. und am Anfang des 3. Kapitels angekommen, stehen also noch ziemlich am Anfang des Evangeliums. Aber bereits da wird – in 3,6 – gesagt, dass „die Pharisäer sofort mit den Herodianern einen Beschluss fassten gegen ihn, dass sie ihn umbrächten“. Gegen ihn – gegen Jesus. Diese Nachricht wirft nun ein eigenes Licht auf das ganze Evangelium. Wenn man so wollte, könnte man auch sagen: Dieser Beschluss überschattet das Folgende. Wie man´s nimmt, ob Licht oder Schatten, dieser Beschluss, Jesus umzubringen, ihn zu verderben, ihn zugrunde zurichten ist ein Vorzeichen, ein Schlüssel zum Verständnis des ganzen Evangeliums.

Worin besteht das Vergehen, ja, das Verbrechen Jesu, dass es derart todeswürdig ist, dass Jesus geradezu unschädlich gemacht, ausgelöscht, getilgt werden muss? Und wer sind die Pharisäer, wer die Herodianer, dass sie derart rabiat und rigoros vorgehen?

1. Von der Vernünftigkeit des Gesetzes (ratio legis)
Der Sabbat ist eines der zehn Themen aus der großen Weisung („die zehn Gebo-te“). Er sorgt dafür, dass nach 6 Werktagen ein Feiertag kommt. Damit wird die Arbeitskraft von Mensch und Vieh nicht ausgebeutet. Es braucht die Pause und die Erholung, Fest und Feier sind notwendig. Dafür, dass die schöpferische Kraft des Menschen und der ganzen Natur erhalten bzw. wiederhergestellt wird, sorgt die Unterbrechung. Der Sabbat ist als Feiertag diese Unterbrechung, und er lässt die Verbindung zu den göttlichen und menschlichen Quellen wieder fließen. Auf diese Weise ist das Sabbatgebot durchwegs hilfreich und notwendig und deshalb vernünftig. Heute denken wir an Urlaub, Ferien und Freizeit. Ebenso wichtig ist der Sonntag. Es geht damals wie heute um den Menschen und seinen Schutz, seine Gesundheit, seinen Frieden, seine Unversehrtheit. Schalom heißt das im Hebräischen.


2. Vom Missbrauch des Gesetzes und von der Gefährdung des Menschen
Nun kann man das Gebot so eng auslegen, dass es den Menschen schier die Luft zum Atmen und die Lust zum Leben nimmt. Dann dürfen die Jünger, wenn sie mit Jesus am Sabbat durch die Saatfelder gehen, auf keinen Fall die Ähren ausraufen. Dann darf der Mann mit der vertrockneten, der verdorrten, der abgestorbenen Hand auf keinen Fall am Sabbat geheilt werden. Da hat sich eine an sich höchst vernünftige und menschenfreundliche Regelung nämlich das Sabbatgebot verselbständigt und losgerissen von ihrem menschlichen Grund, da geht´s nur noch ums Prinzip. Resolut, rabiat, rigoros, radikal wird da der Mensch im üblen Sinn. Da wird er gnadenlos und unbarmherzig, der Mensch, unmenschlich eigentlich. Wir kennen das. Und brauchen auf die Pharisäer nicht mit dem Finger zeigen. Die tun sich mit den Herodianern zusammen, die an der Macht waren und unbedingt bleiben wollten und daher einen für höchst gefährlich hielten, der das Gesetz menschlich auslegte, das heißt: nach Situation und Verantwortung fragte, nach dem Sinn oder nach der Vernunft forschte. Macht, meine ich, steckt auch heute dahinter, wenn es keinen wirklichen Feiertag mehr gibt, wenn Menschen auch im Urlaub erreichbar sein müssen, wenn der Profit alleiniger Maßstab geworden ist. Ob der Feiertag nur noch um seiner selbst willen als lieb- und lebloses Gesetz eingeschärft wird oder ob er dem Menschen vorenthalten wird bzw. sich der Mensch ihn sich nehmen lässt, es läuft auf dasselbe hinaus: Es geht nicht mehr um den Menschen.

3. Um des Menschen willen ist der Menschensohn – Jesus – Herr über das Gesetz
Jesus und seinem Evangelium geht es aber um den Menschen. Er lässt die Jünger Ähren raufen, er heilt trotz eiskalt beobachtender Blicke den Mann mit der ver-dorrten Hand: „Auf, in die Mitte!“, sagt Jesus, du bist der Mittelpunkt, heißt das auf Deutsch. „Streck die Hand aus“, sagt Jesus, du sollst wieder was tun, wieder handlungsfähig sein. Dieses Vorgehen ist für Jesus tödlich. Der Evangelist warnt uns gewissermaßen schon am Anfang, dass das mit Jesus zunächst nicht gut ausgehen kann. Kardioporose – Herzensverhärtung diagnostiziert Jesus bei sei-nen Gegnern. Da muss er Anstoß erregen, geht es ihm doch um ein neues Herz, das aufmerksam ist und konkret denkt, das um Gottes Willen zugunsten des Menschen weiß und sich deshalb auf die Lage des Menschen einlässt. Jesus ist Herr über dem Sabbat, weil er sich vom himmlischen Vater, dem großen Gesetzgeber, gesandt, getragen, verstanden weiß. Deshalb wird er auch durch den Tod hindurch recht behalten und auferweckt werden. Das ist das Evangelium: Wer sich Jesus, der bezeichnenderweise Menschensohn genannt wird, öffnet, der kommt zum Leben. Jesus aber ist der Heiland, der Retter, der Erlöser. Wo tut er heute not? Und wem tut er gut?
Amen
Josef Fischer
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20.05.2018, Friede nach innen – Sendung nach außen
Pfingsten, Joh 20,19-23
Predigt
1. Dem aus Furcht verschlossenen Menschen… Wer mit sich im Frieden ist und eine sinnvolle Aufgabe hat, bei wem Neugier im Spiel ist und ein waches Interesse, wer sich von der Vernunft leiten lässt und von der Einsicht, bei wem die Treue und die Liebe wohnen, der bringt was zuwege. Handeln tut der eine aus Gewohnheit, und getrieben ist ein anderer vom Ehrgeiz, aus Trotz kann man sich verweigern, aus Furcht sich abschließen. Aus Furcht verteidigt man sich nur noch und sagt nichts mehr, man traut sich nichts mehr zu und traut einander nicht mehr, man bleibt unter sich und igelt sich ein. Wer sich abschließt, stellt sich drängenden Aufgaben, hartnäckigen Fragen und neuen Herausforderungen nicht. Herauskommen tut dann auch nichts mehr. Kirche, die von Furcht bewegt ist, vernimmt die Botschaft des Evangeliums nicht mehr, überhört den Schrei der Bedrängten, wird taub gegenüber dem Ruf in ihre Sendung, sie verschließt sich der Stimme des Herrn. – Nun haben die Jünger dicht gemacht am Abend des ersten Tages der Woche – aus Furcht vor den Juden haben sie die Türen verschlossen. Aber eigentlich sind sie selber es, die verschlossen sind. Wie kommt es, dass aus Verschlossenen Geöffnete werden, die ihrerseits andere zu öffnen vermochten?

2. …muss jemand was zutrauen… Wer nur noch aus Furcht besteht, ist nicht bei sich selbst. Er sieht auch keine Aufgabe mehr für sich, er zweifelt an seinem Wert. Was braucht er? Jemand muss ihn herausfordern, kitzeln und foppen, ihm eine Aufgabe stellen und einen Dienst anvertrauen. Jemand muss ihm zeigen, dass er gebraucht wird, und dass man mit ihm rechnet. Jemand muss ihm vermitteln: Du kannst das, du taugst was, du bist wer. Jemand muss ihm glaubhaft versichern: Du kannst aus deinen Fehlern lernen, und wenn du zu dem Mist, den du gebaut hast, stehen magst, dann wird der eklige Unrat zum brauchbaren und wertvollen Dünger. Dass jemand ihn aus Fehlern lernen lässt, und dass er dann selber eine ähnliche Aufgabe bekommt, das brauch der Mensch. Kurz und biblisch gesagt: Er braucht zweierlei. Er braucht den Frieden nach innen und er braucht eine Sendung nach außen. Beides ist untrennbar und bildet eine Einheit wie die zwei Seiten einer Münze. Der Friede stellt den Menschen überhaupt erst wieder her, stellt ihn auf die Füße, macht ihn standfest und standhaft, dass er wieder Zutrauen fasst, und die Sendung lässt den Menschen auf ein Ziel zugehen, lässt ihn seines Weges gehen, lässt ihn seiner Arbeit nachgehen, sie lässt ihn aufgehen in einem sinnerfüllten Leben.

3. …wie am Ostertag Jesus den Jüngern… Die Jünger dürfen aus ihren Fehlern lernen, aus ihrer Feigheit und Ängstlichkeit, aus ihrer Verzagtheit und Kleinmütigkeit, aus ihrer Menschenfurcht und aus dem daraus resultierenden Verrat an ihrem Herrn. Die Jünger machen die Erfahrung, dass aus ihrer Schuld Liebe wird. So können sie ihrerseits mit der Schuld anderer umgehen. Denn das wird ihre Sendung sein: Sünden zu erlassen, wenn Menschen soweit sind, dass ihre Schuld sich in Gnade verwandeln kann, oder Sünden zu behalten, wenn Menschen ihre Begleitung noch länger brauchen, weil es halt nicht so schnell geht mit der Erfahrung, „dass aus Schuld nun Gnade wird, dass Liebe von der Furcht befreit und Tod das neue Leben schenkt“, wie ein Hymnus zur Osterzeit singt. Friede heißt: sich mit seiner Schuld angenommen erfahren. Sendung heißt: Die Erfahrung von Vergebung und Angenommen sein an andere vermitteln.

4. …Friede und Sendung. Die Jünger freuen sich unbändig, als sie den Herrn sehen, der ihnen seine Hände und seine Seite zeigt: die Wunden, an denen sie nicht ganz unschuldig sind. Er hält ihnen seine Wunden nicht vor. Sie müssen nicht vor Scham vergehen. Sie freuen sich, dass Jesus sie in den Frieden und auf die Füße stellt. Aber dass sie in diesem Frieden ihre Sendung ergreifen können, dazu muss es zu einem Kontakt kommen, dass der Funke überspringt, dass es zündet. Dafür sorgt der Anhauch Jesu, mit dem er ihnen den Heiligen Geist übergibt. So werden aus Verschlossenen Geöffnete und sogar Öffnende. Aus der überwältigenden Erfahrung, dass ihnen vergeben ist, werden sie selber zu Agenten der Vergebung. Sie werden überzeugt sein von ihrem Auftrag, sie werden die Menschenfurcht überwinden, sich hinstellen, mit vielen den Weg der Versöhnung gehen. Der Heilige Geist ist es, der sie antreibt, er ist die Kraft, mit der alles geht. Damals wie heute. Der Heilige Geist ist es, der aus dem Birndorfer Hansl, *1818, den Bruder Konrad werden ließ, heiliggesprochen am 20. Mai 1934, damals wie heuer das Pfingstfest. Der Friede, den er im Innern trug, der ergreife heute auch uns.
Amen.

Josef Fischer
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06.05.2018, In der Liebe Gottes bleiben und sie weitergeben
6. Sonntag der Osterzeit, Joh 15, 9-17, Apg 10, 25-26. 34-35. 44-48
Predigt
Wer schon jemals Liebeskummer hatte weiß: Liebe kann man nicht erzeugen.
Das macht ja eben den Kummer beim Liebeskummer, dass der andere mich nicht ebenso liebt wie ich ihn. Manchmal vielleicht hat ein langes Bemühen und Werben Erfolg, lockt es im Gegenüber die Antwort der Liebe heraus.

So scheint es Gott mit uns zu gehen: sein Mühen und Werben um uns hofft auf die Antwort der Liebe. Der Anfangsimpuls der Liebe geht von Gott aus. „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“, sagt Jesus.

„Erwählt“ – ein seltsames Wort. Es beinhaltet, dass jemand eine Wahl hat, sich entscheiden kann - und sich für mich entscheidet. Dabei hat es noch etwas erhabeneres als gewählt. Was für ein erhebendes Gefühl, wenn ich erwählt bin – in die Volleyballmannschaft, zum Tanz, für eine Arbeitsstelle, in der Liebe.
Und was für ein Glück, von Jesus erwählt zu sein! Und zwar nicht nur als „Knecht“, also nicht nur für die Arbeit, sondern als „Freund“, als „Freundin“!
Der Knecht führt eine Anweisung aus und damit ist die Sache für ihn erledigt. Der Freund/die Freundin interessiert sich, fühlt mit, weiß um das, was den Freund bewegt und was ihm wichtig ist, setzt sich nach eigenen Kräften und Möglichkeiten dafür ein, dass das Vorhaben gelingt.
So ein Freund, so eine Freundin zu sein, dazu hat Jesus uns erwählt, uns ausgewählt: Jeden der und jede die das Evangelium liest und hört und mit der eigenen Liebe Antwort darauf gibt.

Liebe kann man nicht erzeugen. Wie also soll es gehen, dass wir Gott und einander lieben?
Da ist im Evangelium ein Weg gezeigt: Am Anfang des Textes steht: „bleibt in meiner Liebe“, in der Mitte heißt es dann: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ und als letzter Satz steht: „Liebt einander!“ – da ist eine Entwicklung aufgezeigt. Als erstes kommt Jesu Liebe, in dieser Liebe sollen und dürfen wir bleiben: das kann die Beschäf-tigung mit Jesu Leben, seinem Tun und seinen Worten sein, wie sie uns die Bibel gibt. Das kann ein meditatives Sich-Hineindenken und –fühlen in die Vorstellung sein: „Ich bin von Gott geliebt“ – so lange, bis ich es wirklich glaube. Und wenn es mir wieder verloren geht, immer wieder. (Vermutlich dauert das ein Leben lang und noch länger!)
Das ist das erste. Aus diesem Geliebt-sein wächst die Frucht, die Liebe weiter zu geben.

Denn dazu hat uns Jesus die Liebe Gottes anvertraut: zum Weitergeben.
In der Form und dem Ausdruck wie es den eigenen Möglichkeiten und Begabungen entspricht und in eigener Verantwortung. Eben wie ein Freund/eine Freundin, nicht wie ein Knecht.
Das sagt er uns zur Freude, nicht zur Last oder zur Angst. Damit seine Freude in uns ist und diese Freude immer mehr wird. („Damit eure Freude vollkommen wird“ V.11)
Mit dem Auftrag, die Liebe Gottes weiterzugeben, hat Jesus die Kirche bewirkt. Da-rin liegt die Stärke der Kirche: die Liebe Gottes und die Freude weiterzugeben.

Und wenn uns jetzt vielleicht ein paar Menschen einfallen würden, die das auch mal hören sollten, so gilt es doch heute und hier für uns, für jede und jeden von uns!
Jesus nimmt alle Menschen, die dieses Wort hören, in die Liebe hinein.
Dass das auch erstaunlich sein kann, dafür gibt Petrus ein Beispiel, das wir in der Lesung gehört haben. Petrus lernt und begreift, dass „Gott nicht auf die Person sieht, sondern dass ihm in jedem Volk willkommen ist, wer in fürchtet und tut was recht ist“ (Apg 10, 34)

Es braucht ein Miteinander um die Liebe Gottes weiterzugeben, für eine/n allein ist das zu groß. Damit die Liebe und die Freude zunehmen, braucht es ein Miteinander, eine/r allein kann da wenig bewirken. Im Miteinander ist jede/r gerufen ein kleines Stückchen der Liebe Gottes mit den eigenen Möglichkeiten weiterzugeben. Und sich zu freuen wenn es mir und anderen gelingt, mehr Liebe und Freude zu säen und wachsen zu lassen. Im Miteinander kann viel entstehen. Und das ist Kirche.

Im Gotteslob steht der schöne Satz von Augustinus, der das „gescheiter“ ausdrückt: „Lebe das vom Evangelium, was du verstanden hat – und sei es noch so wenig!“

Brigitta Neckermann-Lipp
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01.04.2018, O Gnade, o Liebe in Jesus Christ
Ostern, Mk 16,1-8
Predigt
Sie wollten ja ihrem Jesus nur noch einen letzten Liebesdienst er-weisen, die Frauen, und ihn salben. Sie hatten ihn doch geliebt und lieben ihn immer noch. Die Liebe aber findet immer einen Weg, auch angesichts des Todes. Der Tod ist vielleicht die schärfste Herausforderung zur Liebe. Da, wo scheinbar nichts mehr zu ma-chen, nichts mehr gut zu machen ist, wo nichts mehr zu holen ist, dennoch einen Weg sehen und diesen Weg gehen – geht denn das? Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome ge-hen jedenfalls diesen Weg. Für immer stehen diese drei Namen da-für, dass etwas geht, wo alles still zu stehen scheint, dass etwas lebt, wo scheinbar nur noch Tod ist, dass es inmitten einer Orgie von Hass und Gewalt die Liebe gibt.

Die Erfahrung, dass es fuchst und tratzt und ansteht, macht zu sei-ner Zeit jeder von uns. Wie war das doch, so fragt sich jemand, als ich wie gelähmt war, dass ich doch wieder auf die Füße kam? Et-was war stärker als meine Lähmung, etwas war, das überwand meine Hemmung, etwas ließ mich den Mut, den ich verloren hatte, wieder finden. Wie war es denn damals in Jerusalem? – Die Zeit der verordneten Ruhe, der Sabbat, war „vorüber“, „in aller Frühe“ – wir sagen: in aller „Herrgottsfrühe“ – geht es los, „als eben die Sonne aufging“. Damals flohen und fürchteten die drei das Grab gerade nicht, im Gegenteil, sie „kamen“. Sie verschwiegen ihr Prob-lem nicht: „Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes weg-wälzen?“. Sie schauten nicht weg, sondern „hin“, und da sehen sie, „dass der Stein schon weggewälzt war“, „sehr groß“, wie er war. Die drei, sie werden immer mutiger, „sie gingen in das Grab hinein“. Es ist ganz offenkundig: Schritt für Schritt vertrauen sie sich einer Wirklichkeit an, die ist anziehend und unwiderstehlich, bewegend und belebend.

Die Liebe bringt die Bewegung hervor, sie kennt aber auch den Schrecken. Dass man zurück-schreckt. Das, was den drei Frauen widerfährt, ist nicht nur die Erfahrung, dass einen die Liebe stark macht, dass man selber bislang ungeahnte Kräfte spürt und entwi-ckelt und freisetzt. Die drei erfahren auch, dass da eine Kraft auf sie einwirkt, die kommt nicht nur aus ihnen. Entsprechend „der-kemmen“ sie, wie wir mundartlich sagen. Herhalten als Ursache ihres Erschreckens muss zunächst ein junger Mann, der sitzt auf der rechten Seite, ist bekleidet mit einem weißen Gewand. Der ist aber nur Bote, Kurier, Überbringer, Sprachrohr, Botschafter. „Du bringst mich ganz schön durcheinander mit dem, was du da sagst“, so reagieren auch wir, und wissen: nicht der Botschafter erschreckt uns, sondern die Botschaft. Und die Botschaft, die sie da hören, die ist zu groß, zu fremd, zu viel für die drei, unfassbar: „Er ist aufer-standen“. Da fliehen sie.

Dass dieser Jesus, von dem am Anfang des Markusevangeliums (1,11) „eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn“, dass dieser Jesus so sehr geliebt ist, dass er lebt, das ist für den Augenblick, im ersten Moment, zu viel für die drei und sicher auch für uns. Dass es wirklich Liebe gibt für die Jünger im Abendmahlssaal und für uns in Heilig Geist, für Petrus und Judas, für Hohepriester und Schriftgelehrte, für Juden und Heiden, für Christen und Muslime, für glühend Glaubende und für skeptisch Zuwartende, für Vorschnelle und Zögerliche, für innig Geliebte und Unausstehliche, ist das vorstellbar? Dass es wirklich eine alle umfassende Gerechtigkeit gibt, für Freunde und Feinde, für Opfer und Täter, für Flüchtlinge und Einheimische, für Frauen und Männer, für Ältere und Jüngere, für Lebende und Verstorbene: wer würde einen solchen Gedanken nicht als Zumutung empfinden und vor ihr, wenn sie konkret wird, nicht erschrecken, ned der-kemmen, nicht fliehen? – Dass es die göttliche Liebe gibt, die den gekreuzigten Jesus auferstehen lässt: ist das nicht ein Sprung, den uns der Glaube zumutet?

Zunächst ist menschliche Liebe. Sie geht hin und her, webt ihr Netz, unsere alltäglichen Erfahrungen und Widerfahrnisse mit ihr bezeugen das. Aber dass es die Quelle der Liebe gibt, dass sie uner-schöpflich ist, keine Grenzen kennt, dass es sie in Fülle gibt, das ist zu viel für den Verstand, da braucht’s den Glauben, den österli-chen, der uns geschenkt ist, „aus reiner Gnade“ (Exsultet), so dass dann unser Bekenntnis lauten kann: „Alles ist Gnade“. Man kann sich nur beschenken lassen von ihr. Wir dürfen die alltäglichen, die gewöhnlichen Schritte der Liebe tun, wie sie aus Menschen möglich sind. Wie die drei Frauen von ihr bewegt waren so können wir bewegt werden. Die menschliche Liebe ist Einfallstor und Raum der göttlichen Liebe. Von ihr reden wir, wenn wir den Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus bekennen.
AMEN.
Josef Fischer
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30.03.2018, Vom Wurm zum Gärtner
Karfreitag, Jesaja 52,13; Johannes 18,1 – 19,42
Predigt
1. Im Garten…,
Die Welt ist gedacht und eingerichtet als Garten. Er ist Ausdruck unzerstörbaren Lebens und Bild einer heilvollen Ordnung. In ihm ist alles aufeinander bezogen und der Mensch bebaut und hütet ihn. Der Garten macht auch Arbeit. Aber vielleicht ist sie erfüllend und sinnvoll und nicht einfach nur hart und schwer. Die Welt als Garten: ein Traum, eine Sehnsucht? Die Bibel sagt uns – übermorgen, am Ostermorgen früh -, dass die Welt von Gott als Garten geschaffen ist. Die Bibel sagt freilich auch, dass in diesem Garten der Wurm drin war, dass es den Menschen wurmte, und dass er deshalb zu einem erbarmungswürdigen Erdenwurm verkommen ist. In Jesus erneuert Gott die wurmstichig gewordene Welt. Die Welt derbarmt ihn. Jesus findet ein Flecklein Erde, von einem Garten spricht die Passionsgeschichte. In diesem Garten, so heißt es, hat sich Jesus oft versammelt mit seinen Jüngern. Dort geht er mit ihnen auch hin, als das letzte Mahl zu Ende war und er hinausging aus dem Raum der Vertrautheit, des Friedens, der Intimität (Joh 18,1). Er sucht im Garten den Ort, wo es stimmt, wo es wächst und blüht, wo die Arbeit Früchte trägt, wo man sich erholt und Kraft schöpft, wo man der Erde nahe ist, der sprießenden Saat, wo man ahnt, dass man selber Samenkorn ist, denn „die Tage sind wie Schollen, wir sä´n uns selbst hinein und werden im Verrollen erst wahres Wachstum sein“ (Friedrich Oberneder). Meine Lieben, ein Regierungsprogramm müsste lauten: „Jedem seinen Garten“, damit er dort schaufelt und gräbt, buddelt und wühlt, gut irdisch ist; denn von der Erde ist er genommen und zur Erde kehrt er zurück, der Mensch.

2. da ist der Wurm drin…,
Freilich: kein Garten ohne Wurm! Auch Judas kennt den Garten, und mit der Kohorte und mit den Dienern der Oberpriester und der Pharisäer und mit Laternen und Fackeln und Waffen kommt er dorthin. Auf den ersten Blick, auf den Blick, der im Vordergründigen bleibt, wäre man versucht zu sagen: Schon wieder der Wurm drin! Judas! Im Garten! Nun ist ein Sprung verlangt. Es ist tatsächlich der Wurm drin. Jesus! Nachzulesen im Psalm 22,7-11: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet. Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf: Wälze die Last auf den Herrn! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat! Du bist es, der mich aus dem Schoß meiner Mutter zog, der mich anvertraut der Brust meiner Mutter. Von Geburt an bin ich geworfen auf dich, vom Mutterleib an bist du mein Gott“. Diese Psalmworte hat der christliche Glaube von Anfang an Jesus in den Mund gelegt. Den Psalm 22 betete der fromme Jude Jesus am Abend seines Lebens, am Kreuz. Auch wenn ich ein Wurm bin, „mein Gott bist du“ – trotz allem. „Mein Gott bist du“, das ist Jesu Glaube.

3. …und der muss raus“
Das 4. Lied vom Gottesknecht wird auf Jesus übertragen wird, wenn es heißt: „So entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch“ (Jes 52,14). Im selben Lied heißt es auch: „Mein Knecht, der Gerechte, macht die vielen gerecht“ (Jes 53,11). Er ist der Rechte, Er richtet´s, Er ist der Richtige. Er macht´s recht, Er schaut, dass es recht wird mit uns, Er meint, dass wir schon auch die Richtigen sind, und dass ER uns brauchen kann für sein Erlösungswerk. Wir sind berufen, als die von ihm Erlösten und Gerechtfertigten dafür zu sorgen, dass kein Mensch zertreten wird wie ein Wurm. Darum geht´s: Dass ich mich hinstelle zum anderen, für den anderen, mit dem anderen, und dass ich leben lerne wie Jesus, der sagt: „Ich bin es“. Jesus, der Herr, hat sich um unseretwillen, für uns aus dem Garten hinausbegeben (Joh 18,4), er hat sich hingestellt, als Judas kam, und er hat den göttlichen Mut gehabt zu einem erlösenden Wort. Dieses Wort heißt: „Ich bin es“ (Joh 18,5). Er sagt nicht: „Du bist schuld“. Nein, er durchlebt, durchleidet und durchstirbt selber mit göttlicher Kraft die Wurmexistenz. „Ich bin es“. Ohne Einschränkung, bedingungslos offenbart sich hier die Wahrheit und die Liebe selber. Sie sagt: Ich erlöse dich. Ich nehme alles auf mich. Ich bin die reine Gnade. Ich bin die ewige Liebe. Dann begraben sie ihn in einem Garten (Joh 18,41). Dann begegnet der Auferstandene Maria, der Magdalenerin. Sie erkennt ihn nicht. Aber sie meint, er sei der Gärtner (Joh 20,15). Der vordem ein Wurm schien, der ist im Bild als Gärtner, als Hüter, Bauer, Heger, Pfleger, Landwirt und Gastwirt, der Wirt des Lebens schlechthin. Darum gilt: „In einem Garten ging die Welt verloren. In einem Garten wurde sie erlöst“ (Blaise Pascal).
AMEN.
Josef Fischer

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29.03.2018, Ganz recht wird´s...!
Gründonnerstag, Exodus 12,1-8.11-14; 1 Kor 11,23-26; Joh 13,1-15
Predigt
1. Jesus geht hinüber zum Vater…,
Es war vor dem Paschafest. Das bedeutet, dass das Lamm noch nicht geschlachtet ist, dass noch kein Blut geflossen ist für das Opfer, dass eine alte Tradition genannt wird, dass es um Segen und Wohlwollen von Seiten Gottes geht. Da heißt es nun, dass „Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen“. Nicht mehr ein Lamm wird geschlachtet. Er, Jesus selbst, ist das Lamm. Er geht zum Vater, Er überwindet die für Menschen unüberwindliche Distanz, Er ist selber die Brücke, Er ist der Weg, Er ist die Verbindung. Er „geht hinüber“ gewissermaßen über den Abgrund, über das Bodenlose, über die gähnende Leere, über die verschlingende Tiefe: Bilder für das Unrecht, den Terror, den Krieg, für Neid und allen bösen Willen, für die Unheilsmächte, die den Menschen hinunterziehen, die ihn am Leben hindern, die ihm Angst machen. Jesus geht diesen Weg. Er weiß, dass es ein Kreuzweg ist, den er da geht. Er weiß aber auch, dass dieser Weg zum Vater führt, heimführt, ans Ziel bringt, in die Vollendung gelangen lässt. Von Jesus wird in diesem Augenblick gesagt, dass er die Seinen, die in der Welt waren liebte, und dass er sie „bis zur Vollendung“ liebte, bis zum Ende, aufs Tiefste. Was ist gemeint mit diesem „bis zur Vollendung“?

2. …und ans Ziel gekommen…
Blättern wir im Evangelium ein paar Kapitel weiter. Dann kommen wir zum Sterben Jesu und zu seinem letzten Wort. Wer sagt: >Das ist mein letztes Wort“<, für den ist die Sache gelaufen, klar, unwiderruflich. >Das ist mein letztes Wort< - von mir gesprochen immer nach dem Stand der Dinge, wie sie jetzt sind, nach diesem Wort zu fragen könnte eine hilfreiche Aufgabe sein, um mich meinem Leben jetzt zuzuwenden. Nach Johannes (19,30) lautet Jesu letztes Wort am Kreuz: „Es ist vollbracht“. Wer so was sagt, dessen Leben ist nicht gescheitert, nicht fremdbestimmt, nicht gewaltsam zu Ende gebracht – auch wenn es sich äußerlich gesehen so anhört. Wer sagt: „Es ist vollbracht“, der sieht sein Leben als erfüllt an, sein Werk als vollendet, seine Absicht als umgesetzt, sein Ziel als erreicht. Letzteres ist eigentlich die wörtliche Wiedergabe des griechischen Ur-Textes (telos), die lautet: „Es ist ans Ziel gekommen“ (Fridolin Stier).
Jesu letztes Wort lautet so. Er spricht es am Kreuz. „Und geneigt habend das Haupt, gab er den Geist auf“. Äußerlich kommt ein grausiges Geschehen zu einem – wie man so sagt – erlösenden Ende. Für den aber, der dahinterschaut, der hineinsieht, der glaubt, vollendet hier einer seinen Weg, der geprägt ist von Treue und Wahrheit und Liebe. Jesu Sterben ist so gesehen kein Verhängnis und schon gar kein Justizirrtum, sondern reiner Ausdruck der Liebe, die an ihr Ziel gekommen ist. Von ihr darf und muss die Rede sein, von Jesu Liebe zu den Seinen und zum Vater. Damit sind wir vom Karfreitag wieder zum Gründonnerstag zurückgekehrt. Der ist >heute<.

3. …ist die Liebe.
Dieses Wörtlein – heute – wird heute bei der Wandlung eingefügt: „Denn am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf – das ist heute, nahm er das Brot und sagte Dank…“ Mit diesen Worten sagen wir, was wir heute feiern: Jesus liebt die Seinen, die in der Welt sind, und er liebt sie – eben bis zur Vollendung, bis zum Ziel, bis zum Ende, aufs Tiefste. Jesu Hinübergehen zum Vater kann angesichts einer gewalttätigen Welt nur ein Kreuzweg sein, und die Vollendung des Hinübergehens kann nur das Kreuz sein. Aber es ist das Zeichen des Sieges. Gesiegt hat die Wahrheit. Ihr Sieg besteht in der Liebe. Sie ist ans Ziel gekommen. Das ist gemeint, wenn es heißt: es ist vollbracht. Anders gesagt: die Liebe ist stärker als der Tod. Sie überwindet den Tod. Es gibt eine Auferstehung von den Toten.
AMEN.
Josef Fischer
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04.03.2018, Im Haus des Vaters
Joh 2, 13-25, 3. Fastensonntag
Predigt
Im Haus des Vaters
Joh 2, 13-25
3. Fastensonntag, 4. März 2018

Was ist mir wichtig und wertvoll an einem Haus – an meinem Haus oder meiner Wohnung? – Dass es ein Fundament hat, das nicht so leicht zu erschüttern ist und stabile Mauern, dass die Heizung funktioniert, dass es einen Platz zum Kochen und Essen und zusammensitzen gibt und einen Ort zum Schlafen und zum Ausruhen, dass es einigermaßen aufgeräumt und sauber ist, damit ich mich darin wohlfühle …. Und noch einiges mehr fällt uns sicher ein.
Und – bei und vor allem Äußeren - dass darin eine Atmosphäre der Zuneigung, des Respekts, des Miteinanders und des Lebendigen herrscht – dann kann es auch mal unaufgeräumt sein oder die Heizung (kurz) ausfallen.

Jesus nennt den Tempel das „Haus seines Vaters“. Er hat den Tempel geschätzt und geehrt und es war ihm wichtig, was in diesem Haus geschieht und wie die Atmosphäre darin ist.
Der Tempelkult der Israeliten sah vor, dass im Vorhof des Tempels Opfer für Jahwe dargebracht wurden. Die dazu benötigten Tiere konnten an Ort und Stelle gekauft werden. Das Opfer diente dazu, mit Jahwe in Verbindung zu treten, ihm zu danken oder ihn gnädig zu stimmen, vielleicht umzustimmen, also dazu, mit Gott in Beziehung zu kommen. Das Anliegen ist ganz nachvollziehbar.
Gegen die Art und Weise aber wendet sich Jesus an verschiedenen Stellen der Evangelien, hier sogar vehement und befremdlich gewalttätig.
Er wendet sich gegen das Gottesbild, das dabei sichtbar wird. Gott ist kein Handelspartner! Er braucht keine Opfer, blutige schon gar nicht! Jesus macht deutlich: Es geht nicht darum, Gott umzustimmen oder ihn für die eigenen Anliegen zu gewinnen. Gott ist die Liebe und diese Liebe ist nicht käuflich und keinen Launen unterworfen. Die absolute Liebe braucht nicht umgestimmt zu werden, auf unsere Seite gezogen zu werden, sie ist sowieso auf unserer Seite und an unserer Seite. Die absolute Liebe ist grenzenlos und ewig.

Das ist für unser menschliches Hirn und Herz sehr schwer zu verstehen und zu glauben.
Darum hat Jesus den „Beweis“ dafür erbracht. In Jesus ist Gottes Liebe greifbar, sichtbar geworden, Jesus ist Gottes Liebe. Der Mensch Jesus, der ganz aus der Liebe Gottes lebte, hat sein Leben dem Hass der Menschen hingegeben um ihnen zu zeigen, dass die Liebe Gottes stärker ist als aller Hass.
Im Vordergrund sieht man den Hass und die Niederlage des Kreuzes, im Hintergrund aber ist der Sieg der Liebe. Darauf bereiten wir uns alle Jahre in der Fastenzeit vierzig Tage und sechs Sonntage vor. Deshalb ist die Osterfeier für uns so wichtig. Damit uns der Vordergrund nicht entmutigt. Damit wir immer mehr hineinwachsen in diese Liebe Gottes, die stärker ist als Hass und Nacht und Tod.

Ein „Zeichen“ fordern die Juden im Evangelium und das ist das „Zeichen“: Jesu Tod und Auferstehung – das Zeichen der grenzen- und zeitlosen Liebe Gottes.
Verstanden haben das weder die Juden noch die Jünger. Von den Jüngern heißt es immerhin, dass sie sich nach Jesu Auferstehung daran erinnern und glauben.
Verstehen werden wohl auch wir es kaum – und schon gar nicht, wenn uns schreckliche Nachrichten und der Tod begegnen. Wenn wir berührt sind vom grausamen Schicksal der Menschen in Syrien und vom Unfalltod der Reischacher Mädchen. Ganz zu schweigen von eigenen Schicksalsschlägen, die für uns den „lieben Gott“ in Frage stellen.

Verstehen werden wir es nicht, dass Gott auch dann die grenzenlose Liebe ist und dass diese Liebe an unserer Seite ist. Uns erinnern, uns selbst und uns gegenseitig, dass der Hintergrund die absolute Liebe Gottes ist und daran glauben, wäre schon eine gute Spur. Uns an den Hintergrund der Liebe erinnern und daran glauben, damit uns der Vordergrund nicht entmutigt.

Zurück zu unseren Häusern: mühen wir uns um eine Atmosphäre der Zuneigung, des Respekts, des Lebendigseins und der Liebe in unseren realen Wohnungen, in unseren Kirchen, in der eigenen Person als „Lebenshaus“. Machen wir Platz für Gottes Liebe. Wahrscheinlich werden wir sie nicht verstehen, aber wir können immer mehr hineinwachsen und durch dieses Hineinwachsen kann die Liebe hinauswachsen, kann ich über mich hinauswachsen und ausstrahlen – hinauswachsen, der größeren Liebe zu.

Brigitta Neckermann-Lipp
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04.02.2018, Auf der Suche
Mk 1,29-39
Predigt
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Mk 1,29-39
5. Sonntag im Jk. (B) - 4. Februar 2018

Kennen Sie das auch? Ein Termin jagt den anderen. Etwas verzögert sich – ein Stau oder eine unerwartete Begegnung, die nicht eingeplant war. Dann in Eile zum nächsten Treffen! Und am Ende des Tages taucht die Frage auf, was das untertags alles war. Beim Hören des Evangeliums kommt bei mir ein ähnliches Gefühl auf. Im Text heißt es zweimal sogleich/sofort. Es geht sozusagen Schlag auf Schlag. Es ist Sabbat, Jesus kommt mit den Jüngern aus der Synagoge, sie gehen ins Haus der Simon, die Schwiegermutter liegt fiebernd darnieder und sogleich heilt sie Jesus. Am Abend kommt die ganze Stadt zusammen, Jesus heilt viele, die übel dran und von so manchem Dämon, Abergeist, geplagt sind. Ein ganz schönes Arbeitspensum, könnten wir sagen und das am Sabbat, also am Sonntag – dem Tag der Ruhe!
Wie reagiert Jesus? Früh am Morgen zieht er sich zurück an einen Ort, wo ihn nichts ablenkt. Dort betet er. Ich stelle mir vor, er bringt sich und das Erlebte ins Gespräch mit seinem Vater. Er schweigt und hört zu. Und das, obwohl er einen solchen Erfolg hat. Er lässt sich davon nicht blenden. Vielleicht hatte er auch eine Stimme vernommen, die ihm zuflüstert: der Erfolg hebt doch deine Bedeutung und Wichtigkeit; deiner Botschaft könnte ja gar nichts Besseres passieren, dass alle aus der Stadt kommen und beim Heiler sein wollen. Nein, er weiß um die Bedeutung des Kontakts mit seinem Vater im Himmel. Das ist die Quelle für seine Worte und sein Wirken. Aus dieser Beziehung lebt er.
Das ruft Jesus auch heute jedem und jeder von uns zu: Bleib in deinem Leben in Kontakt mit dem göttlichen Geheimnis, dem ich wie einem guten Vater alles sagen kann und dem ich vertrauen darf! Mit dieser Be-ziehung lebt es sich gut. Das ist nicht nur für mich allein, sondern auch für unsere Zeit von Bedeutung. Denn sonst würde Gott vergessen. Und wo Gott in Vergessenheit gerät, wird Anderes wichtiger und mächtiger. Der Mensch wird krank, kommt unter die Räder und Dämonen steigen auf. Beim Bibelabend wurden diese Dämonen mit Namen versehen: Zweifel, Vorbehalte, Kleinmachendes, Untugenden aller Art, Fremdbe-stimmung und Spaltung, Sucht, negative Beurteilung von Menschen – und und und. Wir könnten diese Liste fortsetzen. Also: erste Botschaft des Herrn an uns heute: im Gespräch, in Beziehung bleiben mit Gott, dem Geheimnis unseres Lebens.
Damit verbunden ist ein Zweites. Die Jünger eilen Jesus nach, sie suchen ihn, sie spüren ihm nach, ja sie verfolgen ihn - vielleicht auch mit dem Nebengedanken, sich im Glanz des Meister zu sonnen. Und sie erhöhen auf Jesus den Druck mit den Worten: Alle suchen dich. Stimmt das wirklich? Suchen wirklich alle den Herrn – damals und heute? Beim Bibelabend haben wir uns für diese Frage Zeit gelassen. Es wurde festgehalten, dass ein jedes das Recht hat zu suchen. Und wer würde sich nicht nach dem Glück im eigenen Leben sehnen? Wer würde sich nicht Gesundheit und Heil/Heilung wünschen? Wer würde nicht den rechten Weg einschlagen wollen? Von der manchmal sogar verzweifelten Suche des Menschen hat die Lesung aus dem Buch Ijob berichtet: nie mehr schaut mein Auge Glück. Wir als Menschen haben diese Suchbewegun-gen nicht zu beurteilen. Für uns Christen gilt aber die Selbstaussage Jesu: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. In diesem Sinn stimmt es schon auch heute: Alle suchen dich, wenn auch oft unbekannter Weise.
Abschließend stelle ich mir vor. Ich sitze am Abend da und lasse den Tag an mir vorbeiziehen. Die beiden Botschaften Jesu heute für uns, die Suche nach ihm und das in Beziehung bleiben mit ihm, klingen nach. Da höre ich in mir die Worte des Psalm 63: Gott, Du mein Gott, Dich suche ich, meine Seele dürstet nach Dir, nach dir schmachtet mein Leib.

Amen.
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07.01.2018, Sehen, wer ich bin
Mk 1,7-11 - Taufe des Herrn
Predigt
Ob vor oder nach einem runden Geburtstag. Ob im sogenannten Alten oder im sogenannten Neuen Jahr: Im Fluss der Zeit, im raschen Lauf der Lebenszeit erinnern uns die Jahre und ihr regelmäßiger Wechsel daran, dass wir die Chance haben, immer noch mehr Mensch, wir selbst, zu werden. Am heutigen Fest der Taufe des Herrn begegnet uns Jesus von Nazareth und mit ihm sein Vorläufer und Täufer Johannes. Es gibt für uns eine frohe Botschaft, was unser Mensch – werden betrifft. Dabei ist uns das volle Maß des Menschwerdens in Jesus gegeben. Denn „eine Stimme kam aus den Himmeln: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.“ (v. 11). Drei As-pekte könnten dabei bedacht werden.

1. Wir verweisen auf andere und als Glaubende verweisen wir auf Jesus.
Zunächst sagt man von einem Kind: Ganz der Vater, ganz die Mutter, nein, die Augen hat es von mir, oder es scheint etwas aus der Art geschlagen. Später soll aus einem Kind was werden, es soll bei jemand und von jemand was lernen. Dann soll der Mensch auch selber was liefern. Immer steht der Mensch in einem Zusammenhang. Der wird einem später im Leben vielleicht wieder wichtiger. Es fällt einem keine Perle aus der Krone, wenn man sagen kann: Ich bin nicht der erste, und ich bin nicht der letzte. Aber ich verweise mit meinem Leben auf einen tieferen Sinn, auf einen bestimmten Weg, viel-leicht gibt´s ein Wort von mir. Jeder von uns steht für einen Lebensstil und eine Lebensauffassung, für Werte und Traditionen. - Johannes bezeugt nun den, der nach ihm kommt, „der stärker ist als ich“ (v. 7), sagt er. Den Kommenden zu bezeugen, auf ihn hin- und deswegen auch von sich wegzuweisen, das macht die Größe des Johannes aus. Sein Beispiel ermutigt uns, für Jesus zu stehen, für ihn zu gehen, in ihm den Stärkeren zu sehen. Das heißt auch: Ich darf zum Frieden mit meinem Lebensraum, mit meiner Aufgabe, mit meinem Grenzen finden. Einer ist größer, und ich darf der sein, der ich bin, und ich bezeuge ihn.

2. Wir werden selbständig,
Johannes bezeugt Jesus nicht nur als den Größeren, er tauft ihn auch. Er tut etwas, er handelt, er wirkt in aller Öffentlichkeit. Für immer heißt er „der Täufer“. Täufer zu sein, dazu genügten ein paar Minuten. Sein denkbar knappes äußeres Tun gründete in einer langen Geschichte, in der er lernte, im entscheidenden Augenblick (sich) nicht zu versagen, sondern den gebotenen Schritt zu tun, es sich zuzutrauen. Jesus, der Stärkere, ist es, der ihn zu diesem Schritt provoziert. Jesu Stärke liegt darin, dass er uns zum Leben, zum Auftreten, zum Handeln ruft. Mensch werden in der Gemeinschaft mit Jesus kann heißen: Mut haben, seinen Auftrag zu erkennen und zu ergreifen, heraus- und hervorzutreten, sich zu einer einmaligen Sendung rufen zu lassen. Selber leben bedeutet den Weg Jesu fortzusetzen. Hab Mut, scheint mir Jesus zu jedem von uns zu sagen, hab Mut und tu etwas in meinem Sinn. Dann baust du andere Menschen auf. Dann baust du Kirche auf.

3. wenn wir gesehen haben.
Jesus ist von Johannes getauft, und sofort hinaufsteigend aus dem Wasser, sieht er, wie sich die Himmel spalten, also: öffnen, und wie der Geist herab-kommt auf ihn. Das ist ein in Jesu Leben einzigartiger Moment. Nach dem ist nichts mehr einfach so wie früher. Jesus „sieht“. Das ist wohl der entscheidende Blick, der Augen- „Blick“. Jesus hat den Durch- „Blick“, er hat die Druch- „Sicht“ durch den bisher verbergenden Himmel. Der Geist kommt auf ihn herab. In diesem Augenblick erkennt er, wer er ist: „mein geliebter Sohn“, sagt die Stimme zu ihm. Jetzt gibt´s kein Zurück mehr, kein Halten, kein Zögern. Jesus ist von nun an nicht Bedenkenträger, sondern Geistträger. – Wissen, wer man ist, weil´s einem gesagt wird, weil man durchblickt, weil sich der Weg auftut, das wär´ es, das ist es. Jesus hat sich zuvor in der Taufe zu seinem Mensch – Sein bekannt. Er machte sich nichts vor. So konnte er klarsehen. An der Hand Jesu sein eigenes Menschsein erkennen und lernen, wer ich bin – wie Jesus geliebte Tochter, geliebter Sohn des Vaters im Himmel. Und dann: aus dieser Fülle leben und zum Leben rufen. Das ist es.
Dass wir letztens nicht uns bezeugen müssen, sondern den, an den wir glau-ben, nimmt dem Leben die Rastlosigkeit. Dass wir zum Tun bereit sind, gibt unseren Leben die Würde. Dass wir zum Sehen kommen, ist unser Glück und Glück für viele. In der Art Johannes des Täufers, an der Hand Jesu, in diesem Sinn noch einmal: ein glückliches neues Jahr.

AMEN.

DK Josef Fischer
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03.12.2017, Wach sein
1. Adventssonntag, Mk 13, 33-37
Predigt
Wir haben zwei Meerschweinchen. Die wohnen im Sommer draußen, aber wenn es richtig kalt wird bekommen sie einen Platz im Gang im Dachgeschoß unseres Hauses.
Die Meerschweinchen wollen immer was zu fressen und wenn sie Schritte auf der Treppe hören, fangen sie gleich an zu quietschen. Sie können Personen an ihrem Schritt unterscheiden und machen sich schon bemerkbar, wenn sie diejenigen, die sie meistens füttern, nur im Erdgeschoß hören.
Sie machen sich bemerkbar, weil sie etwas Gutes von dem Menschen erwarten, der jetzt da die Treppe rauf kommt, Gutes, Nahrhaftes, manchmal auch Ansprache.

Lassen wir uns für einen Moment den Vergleich mit Meerschweinchen gefallen:
Wenn Jesus uns im Evangelium sagt: „Seid wachsam“ meint das: aufmerksam sein, seine Gegenwart sehen und hören, weil wir von ihm Gutes erwarten, weil wir von Jesus Nahrhaftes, Wohltuendes, Leben Förderliches erhoffen.

Der Türhüter hat vom Hausherren Vollmacht bekommen. Es ist im Evangelium gar nicht so die Rede davon, dass der Türhüter aufpassen soll, dass keine Diebe ins Haus eindringen. Seine Aufgabe ist vor allem, da zu sein, wenn der Hausherr zurück kommt. Bis dahin – so kann man sich denken – soll er darauf achten, dass das Hauswesen im Sinne des Hausherren weitergeführt wird. Dafür ist er beauftragt und bevollmächtigt.
Und Jesus sagt: „Das sage ich allen!“ Was für eine gewaltige Aussage: dass wir beauftragt und bevollmächtigt sind, das Hauswesen Gottes zu hüten und weiter zu führen!

Bischof Stefan Oster schreibt in seinem Hirtenbrief zum 1. Advent: „Der Glaube ist angefragt, herausgefordert – und wir fragen uns: Wie können wir ihn stärken? Wie kön-nen wir Fragenden helfen? Wie können wir sie heute unterstützen, um sich für den Glauben auch selbstbewusst zu entscheiden und dann darin auch zu bleiben und weiter zu wachsen?“
Und er ermutigt dazu, Möglichkeiten, den Glauben zu vertiefen, zu teilen und weiter zu geben zu finden, vorhandene anzunehmen und Neue zu initiieren. Damit unser Glaube gestärkt wird für die Zukunft und Frucht trägt.

Der Blick auf den Heiligen Bruder Konrad, dessen 200. Geburtstag wir in diesem Kirchenjahr feiern, ist ein Beispiel dafür, dass in einem einfachen, unspektakulären Leben, im täglichen Dasein an dem Ort, an den ein Mensch gestellt ist, die Liebe Gottes wirken und groß werden kann.
Bischof Stefan schreibt über Bruder Konrad an der Klosterpforte in Altötting: „Hier ist er angekommen und dient fortan seinem Herrgott und den Menschen. Hier betrachtet er voller Liebe fortwährend den Gekreuzigten: Das Kreuz ist mein Buch, sagt er und wächst von hier zum unermüdlichen Diener an den Bedürftigen, voller Geduld und Einfühlungsvermögen. (…) Bruder Konrad ist der wachsame Türhüter, von dem im heutigen Evangelium zum 1. Advent gesprochen wird. Er war immer bereit , seinem Herrn zu begegnen, vor allem in den Menschen, die zu ihm kamen.“

Nehmen wir mit in den Advent: Wach zu sein für die Gegenwart des Gottes in unserer Welt, in den Menschen und Situationen, die uns begegnen. Und jederzeit mit der Gegenwart Christi zu rechnen, weil von ihm alles Gute, Nahrhafte, Leben spendende kommt.

Brigitta Neckermann-Lipp
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05.11.2017, Vom Narziss
Mt 23,1-12
Predigt
Vom Narziss
Mt 23,1-12
5. November 2017

Der Größte unter euch sei euer Diener - klingt das modern und zeitgemäß? Scheinbar nicht so sehr. Ein Wiener Psychiater diagnostizierte vor Kurzem immer mehr einen Mangel an Selbstlosigkeit in unserer Gesellschaft. Diese sei aber darauf aufgebaut, dass es selbstlose Menschen gibt, die anderen Menschen dienen, so wie das etwa Eltern für ihre Kinder tun. Eine Gesellschaft, die nicht solidarisch ist, zerfalle und zerbröckle, so der Psychiater.
Also direkt für uns heute spricht Jesus, so könnten wir beim Hören des Evangeliums sagen. Er prangert das sich selber auf die Schultern klopfen der Gelehrten und Pharisäer an und fordert Glaubwürdigkeit ein. Er kritisiert die Geltungssucht der religiös Verantwortlichen. Er setzt neue Maßstäbe, wenn er betont, dass jedes Amt unter den Christen Diakonie/Dienst ist: Der Größte unter euch sei euer Diener.
Beim zweiten Blick fällt auf, dass die Vielgescholtenen nicht nur die Pharisäer sind, sondern dass sich auch bei den ersten Christen, an die sich das Evangelium wendet, dieses Fehlverhalten breit gemacht hat. Und so ist es geblieben – bis heute. Und dabei wäre es doch so einfach: Geschwister des einen himmlischen Vaters mit den je eigenen Aufgaben, gemäß den persönlichen Charismen. Ein Meister, nämlich Jesus Christus. Das würde reichen. Der Blick in die Wirklichkeit Gottes würde nicht verstellt durch Eigendarstellung, Neid und Arroganz. Das scheint es im Vatikan zu geben wie in diözesanen Prozessen bis hin zu den Pfarreien und ist nicht nur bei Amtsträgern festzustellen. Wir alle kennen dies auch von anderen Bezügen in Beruf, Gesellschaft oder Politik.
Warum ist das so? Warum werden im Namen des Gesetzes Lasten aufgebürdet, wo doch viele schon geschlagen genug sind? Warum ist das Wort Jesu „lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig. So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“(Mt 11) selten zu erfahren. Warum wird gerade den Beladenen oft die erlösende Begegnung mit dem Herrn verstellt und erschwert? Und das nicht nur von Amtsträgern!
Mir ist in diesem Kontext die Hermann Hesses Erzählung von Narziss und Goldmund in den Sinn gekommen. Narziss spricht da: „Ihr lebet im Vollen, euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl wir euch andere häufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht im Vollen, wir leben in der Dürre.“ Hermann Hesse dreht quasi den Spieß um. Die „Geistigen“, die Schriftgelehrten und Pharisäer sozusagen, seien nach Hesse die eigentlich Bedürftigen, die in der Dürre leben. Sie suchen nach Geltung und Anerkennung und verwehren es anderen. Arroganz stellt sich ein, bevorzugt will man behandelt werden. Und ein neidischer Blick geht zu denen, denen die „Kraft der Liebe“ gegeben ist. Die kritischen Worte des Evangeliums klingen an: Ehrenplatz beim Festmahl, vorderste Reihe in der Synagoge, sie lassen sich Meister nennen. In Wahrheit sind sie die eigentlich Kleinen und Mühseligen, zu denen sich Jesus und in seiner Nachfolge die Kirche gerufen weiß. Es sind die Narzissten, könnten wir mit Hermann Hesse sagen, die der Zuwendung besonders bedürfen. Zum Glück ist Jesus gekommen, die Gebeugten aufzurichten und die Unterdrückten zu befreien. Er lehrt uns, dass der Mensch nicht glücklich werden kann, wenn er um sich selbst kreist, sondern nur dann, wenn er aus sich selbst heraus geht und dem ihm zugedachten Dienst antritt.
Hier trifft sich das Evangelium mit dem Befund des Wiener Psychiaters. Wider der narzisstischen Versuchung rät er zu einer großen Portion Selbsterkenntnis, zu mehr Liebe und zur Offenheit für die Selbsttranszendenz. Liebe sei ein Sich-Schenken und Sich-Selbst aufgeben. Und auch die Anerkennung von etwas Größerem könne aus einer narzisstischen Haltung herausführen.
Wir brauchen uns nichts vormachen. Ein kleiner Narziss steckt in jedem von uns. Heilsam ist es in die Schule Jesu zu gehen. Er wird uns im Aufnehmen und Erwägen seines Wortes zur Begegnung mit sich führen, die uns den Weg zum Glück weist, denn: „So werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.“
Amen. Ludwig Raischl
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01.10.2017, Was meint ihr?
Phil 2,1-11; Mt 21,28-32
Predigt
Was meint ihr?
Phil 2,1-11; Mt 21,28-32
01. Oktober 2017

Wer die Frage stellt: „Was meint ihr?“, der will die Auseinandersetzung, der liebt auch die Provokation, der drängt zur Entscheidung. Wie auch immer: er ruft die Erfahrung der Zuhörer ab, er nimmt sie ernst. Was meint ihr? Die-se Frage verbindet Jesus mit der Schilderung einer alltäglichen Situation, wie sie jeder kennt, sei es aus eigener Erfahrung, sei es durch Beobachtung.

1. Widerstand und Ergebung - später
Vergegenwärtigen wir uns die erzählte Szene noch einmal. Da sind die zwei Söhne, und der Vater ist fest entschlossen: die sollen im Weinberg ar-beiten. Der Vater gerät an den ersten, und der erweist sich als Musterkna-be: „Ich gehe hin“, und „Herr“ nennt er den Vater obendrein. Das ist schön gesagt und hört sich gut an, aber wir ahnen die Tücke: „Und nicht ging er hin“. Also, verehrter Zuhörer, wenn du gemeint hättest, in der Geschichte hört sich das ja schön an: „Ich gehe hin, Herr“ aber ich kenne andere Bei-spiele, und wie war es denn bei uns daheim oder wie ist es bei uns daheim? Aufs Wort gehorchen, wo gibt´s denn das? Also da mag es dich, lieber Zu-hörer, dann doch „trösten“: der erste Sohn, er „tat“ zwar schön, aber getan hat er nichts. Schöne Worte, durch kein Tun gedeckt. – Der Vater sagt zum zweiten Sohn dasselbe. Der holt tief Luft, dann gibt er heraus und gibt ei-nen negativen Bescheid: „Nicht will ich“. Protest, Ablehnung, Verweige-rung, mit einem Wort: Widerstand. Er hatte aber offensichtlich die Mög-lichkeit, seine Meinung zu ändern. Darin liegt wohl ein entscheidender Punkt. Nachdem er sich die Freiheit zum Nein-Sagen genommen hatte, er-griff er die Freiheit zur Reue, zur Änderung, zur Umkehr. „Später“ heißt es, und dieses „später“ kann unter Umständen einen langen Zeitraum meinen.

2. Wort und Tat
Jetzt wiederholt Jesus noch einmal sein eingangs formuliertes: „Was meint ihr?“, indem er fragt: „Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters er-füllt?“ Die Zuhörer antworten: „Der zweite“. Klingt gut und richtig und was ist daran überhaupt erwähnenswert? Bedenken wir: Die da zuhören, das sind die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes, die religiösen und die weltlichen Autoritäten. Das Ganze ist einem Generalangriff Jesu ihnen ge-genüber ähnlich: Ihr redet schön, und was tut ihr? Ihr sagt Ja und meint Nein! Ihr nennt mich Herr und es ist nichts dahinter! Ihr plappert drauf los und kapiert nicht, dass es ernst ist! Indem die zuhörenden Hohenpriester und Ältesten des Volkes die richtige Antwort geben: „Der zweite hat den Willen seines Vaters erfüllt“, sprechen sie sich selbst das Urteil. Ihre Worte sind hohl und leer und eitel. Sie waren damals auch zur Taufe des Johannes am Jordan gegangen, aber es kam zu keiner Änderung ihres Lebens. Sie lernten nicht, Wort und Tat in Deckung zu bringen, zum Umdenken, zur Umkehr, zur Reue fanden sie nicht. So führen sie ein abgehobenes Dasein und begreifen nicht den Ernst des Lebens, sie sind nicht auf dem rechten Weg.

3. Jesus – der wahre Mensch
Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Hohenpriester und Ältesten – sie haben in unseren Ohren keinen allzu guten Klang. Matthäus aber wollte seiner Gemeinde damals nicht nur etwas über die Pharisäer zur Zeit Jesu, sondern vor allem etwas über die aktuellen Gefährdungen sagen und über die aktuellen Möglichkeiten. Wo wäre ein Umdenken heute erforderlich? Wo wird heute zu schnell Ja gesagt und dann doch nichts getan? Vor allem aber: Wo haben wir Zeit für eine vertiefte Wahrnehmung der Wirklichkeit, wo ist Zeit, hinter die Dinge zu schauen, uns auseinander zu setzen mit ei-ner veränderten Welt und mit der Botschaft des Evangeliums an diese Welt? Sind wir schon bei uns selbst angekommen – wie die Zöllner und Dirnen, als sie bei Johannes waren? Was meint ihr? Der ganz bei sich war, der sich keiner Illusion über sich selbst hingab: Jesus, von ihm sagt die Lesung heu-te, dass er ganz Mensch wurde ohne Abstriche. Er war gefährdet und ver-sucht, wie nur ein Mensch gefährdet und versucht werden kann. Er brauch-te Zeit. Er ließ sich ein auf den Weg des Vertrauens auf den Vater. Er lädt uns ein, den günstigen Zeitpunkt zu ergreifen, in dem wir zu uns finden nach seiner Maßgabe, der Maßgabe Jesu. Sein Maß aber war das maßlose Vertrauen auf den Vater. Aus diesem Vertrauen heraus konnte er in Liebe bei den Menschen sein und kann es bis heute. Was meint ihr?
Amen
Josef Fischer
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03.09.2017, Einladung zum Vertrauen
Mt 16, 21-27
Predigt
Einladung zum Vertrauen
Mt 16, 21-27
3. September 2017
„Einladung zum Vertrauen“ habe ich als Überschrift gewählt. Zugegeben – besonders einladend
klingt er zunächst nicht, der Text des heutigen Evangeliums – eher sperrig, harsch, abweisend.
Das gesamte Evangelium Jesu Christi ist eine einzige große Einladung sich der Liebe Gottes
rückhaltlos anzuvertrauen. In verschiedenen Bildern, Ausdrucksweisen, Erzählungen wird
das umkreist. Das ist soz. die Hintergrundfolie, auf der jede Textstelle zu lesen ist. Und wenn
man genauer hinschaut ist auch diese Bibelstelle eine Einladung und Aufforderung sich der
Liebe und Kraft Gottes zu überlassen.
Unsere Schwierigkeit dabei ist, dass wir wissen – oder zu wissen meinen – was gut für uns
und für andere ist. Das ist zunächst ja auch sinnvoll – zu wissen, was einem guttut und was
nicht, was man sich wünscht und anstrebt im Leben und was nicht.
Aber dann kommen wir immer wieder in Situationen, die unsere Pläne und Wünsche durchkreuzen.
Wenn es nicht so läuft, wie wir uns das vorgestellt hätten und wie wir es als gut für
uns sehen, wenn das Schicksal hereinbricht: Sturmschäden im wörtlichen und im übertragenen
Sinn, Trennung, Krankheit, Tod … und was alles vorkommt im Leben, dann wehren wir
uns dagegen und unternehmen alles Mögliche, um das Leidvolle, das „Durchkreuzende“; sagen
wir „das Kreuz“ abzuwenden.
Auch da muss man zunächst sagen: zum Glück! Es entspricht unserem Lebenswillen, dass
wir dafür sorgen, dass es uns gut geht, dass wir dafür sorgen, dass unsere Pläne gelingen.
Und es entspricht unserem Mitgefühl, wenn wir das auch für andere Menschen wollen!
Es heißt ja nicht: „Jeder suche sich ein möglichst schweres Kreuz.“ Es heißt: wenn es nicht zu
ändern ist – und der Weg Jesu ans Kreuz war offensichtlich nach menschlichem Ermessen
nicht zu ändern – dann nimm es! Gott ist bei dir und weiß einen Weg, der auch dich zum Leben
führt!
Petrus kann das noch nicht. Wir sind also in höchst prominenter Gesellschaft, wenn es uns
(noch) nicht gelingt. Er wehrt sich dagegen, dass Jesus, den er liebt, leiden und sterben soll.
Petrus, der in der unmittelbar vorausgehenden Stelle als „Fels“ für die Kirche bezeichnet
wurde, dem von Jesus die „Schlüssel des Himmelreiches“ zugesprochen sind, nützt seine neu
gewonnene Autorität gleich mal um klarzustellen, was seiner Meinung nach der Wille Gottes
ist. Die Einheitsübersetzung gibt das ein bisschen schwach wieder mit „Das soll Gott verhüten,
Herr! Das darf nicht mit dir geschehen!“ Das klingt nach einem Wunsch. Tatsächlich sagt
Petrus: „Das hat Gott nicht mit dir vor!“ Eine dramatische Szene baut sich hier auf, fast etwas
wie ein Machtkampf wer hier das Sagen hat: Petrus oder Jesus?
Petrus wird an dieser Stelle zum Stolperstein auf dem Weg Jesu, er stellt sich Jesus in den
Weg. Und er wird deutlich zurückgewiesen. Im wörtlichen Sinn: „Hinter mich“, sagt Jesus.
Das Überbringen der Botschaft vom Reich Gottes ist Jesus am allerwichtigsten: Wie nahe
Gott uns ist, wie vorbehaltlos er uns liebt und dass er sich in seiner Liebe nicht von Leid und
Tod aufhalten lässt. Dem Überbringen diese Botschaft darf sich niemand entgegenstellen.
Auch Petrus nicht.
Dass es hilfreich sein kann, schwierige Situationen anzunehmen um mit ihnen leben zu können,
sagt auch die Psychologie. Das Evangelium geht noch weiter:
Es beginnt ja damit, dass Jesus seinen Jüngern erklärt, er müsse nach Jerusalem gehen, dort
werde er vieles erleiden und getötet werden, aber am dritten Tage werde er auferstehen.
Haben Sie es wahrgenommen, als uns das Evangelium vorgelesen wurde? Petrus hat es offenbar
überhört, das von der Auferstehung. Das vorher Gesagte von Leiden und Tod nimmt
ihn (und uns?) so in den Bann, dass die Ankündigung der Auferstehung untergeht.
Das kann uns eine Spur geben, was mit der von Jesus geforderten Selbstverleugnung gemeint
ist: sich nicht von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten des eigenen Lebens, nicht
von Zwängen und Leid so in den Bann ziehen lassen, dass wir die Auferstehung überhören!
Sondern der Liebe und der Macht Gottes, die zur Auferstehung führt, mehr Raum und Kraft
lassen als unserem eigenen Selbst.
Darum meine ich, dieses Evangelium sei eine Einladung zum Vertrauen: zum Vertrauen darauf,
dass Gott das letzte Wort hat und das dies ein Wort der Liebe und des Friedens ist. Mit
diesem Vertrauen ändert sich oft nicht einmal die Situation, aber – das ist meine Erfahrung
und habe ich bei vielen Menschen schon so erlebt – es ändert sich der Blickwinkel, es vermehrt
sich die Kraft, die Fähigkeit zu bestehen, der Friede im Herzen.
Im letzten Satz des Evangeliums wird nochmal deutlich, dass Gott das letzte Wort hat – und
auch da lohnt es, genau hinzuschauen. Gott, bzw. „der Menschensohn“ wird „jedem Menschen
vergelten, wie es seine Taten verdienen“, heißt es da. „Vergeltung“ hat bei uns keinen
guten Klang. Es klingt nach Rache. Und wir bekommen es schon wieder mit der Angst: „Genügen
meine Taten?“, „Was werde ich verdient haben in den Augen Gottes?“ –
Manchmal ist es schon ein Fortschritt, wenn Menschen die Vergeltung Gott überlassen.
Was aber, wenn Gottes „Vergeltung“ Liebe ist?! Wenn er mit Liebe vergilt - alles, auch das
Böse. Kann ich das nehmen, annehmen – für mich – und für andere?
Ich habe in einem Text gelesen, dass Gott ein Meister des Plan „B“ ist. Für ihn ist nichts zum
Scheitern verurteilt. Er kann aus dem größten Mist Gutes machen. Hoffnung siegt über Resignation.
Vielleicht war Jesu Tod am Kreuz gar nicht so geplant. Aber seine Leben ist halt unvermeidlich
darauf zugelaufen. Gott lässt sich nicht von der Auferstehung abbringen. Er hat
das letzte Wort und das heißt „Liebe“. Das ermutigt zum Vertrauen, dass Gott aus allen
durchkreuzten Plänen und Wünschen Gutes macht.
Dass er jedes Kreuz zur Auferstehung führt.
Brigitta Neckermann-Lipp
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02.07.2017, Gewinnen oder verlieren!
zu Mt 10,37-42
Predigt
In dieser Woche war ich bei einem Experiment dabei – 80 Menschen haben in verteilten das ganze Markusevangelium gelesen, 90 Minuten am Stück. Das war spannend. Einmal war ich konzentriert dabei, einmal kämpfte ich bei schwüler Luft mit der Aufmerksamkeit. Einzelne Worte habe ich neu gehört, andere Zusammenhänge sind mir deutlich geworden. Unter ande-rem sind mir die Worte Jesu an die Jünger im Ohr geblieben. Immer wieder sagt er zu ihnen: Versteht ihr denn nicht! Bis hin zum Ölberg, als Jesus sie schlafend vorfindet.
Beim heutigen Evangelium, Verse aus dem 10. Kapitel des Matthäusevan-geliums zur Nachfolge, wundert mich das nicht. Ist es Ihnen beim Hören auch so ergangen, dass der Klang schroff ist. Die Worte erscheinen hart: Wer Vater, Mutter, Sohn, Tochter mehr liebt oder Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und Wer sein Leben gewinnen will, wird es verlieren ... Wahr-lich kein Evangelium light! Beim Bibelgespräch am vergangenen Montag haben wir uns um Zugänge bemüht und um das Verständnis gerungen. Es gibt Widerstände, wenn es darum geht, jemanden bedingungslos zu fol-gen. Heißt das den eigenen Verstand auszuschalten, ohne eigenen Willen zu leben?
Nehmen wir einen Vers genauer in den Blick, ich meine darin liegt ein Schlüssel zum Verstehen. „Wer das Leben gewinnen will, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Also es geht um’s Gewinnen, es geht um’s Finden. Wer möchte das nicht. Noch da-zu, wenn es um nicht weniger als den Lebensgewinn, um’s Finden des rich-tigen Weges zu einem geglückten und gelingenden Leben geht. Da kommt den Frauen und Männern, die sich auf die Suche danach begeben haben und bis heute begeben, Jesus in die Quere. Sie sind glücklich, weil sie Jesus gefunden haben oder weil Jesus sie gefunden hat. Sie fühlen sich angezo-gen von ihm. Sie merken, es geht um mehr als darum, sich am Morgen zu erheben, das Seine zu tun und am Abend sich hinzulegen. Sie spüren, dass in seinen Worten eine andere Wirklichkeit durchscheint, die über das All-tägliche hinausführt. Und sie dürfen erfahren, dass dieser Jesus ernst macht, die Scheinheiligkeit und das sich zur Schaustellen der sogenannten Frommen kritisiert. Sie glauben Jesus, sie trauen ihm und folgen ihm nach. Umso mehr, weil er für sie den Weg ohne Menschenfurcht zu Ende gegan-gen ist und trotz Todesangst sein Leben am Kreuz hingegeben hat. Im Zu-grundegehen, im Hinabsteigen in das Reich des Todes liegt die Erlösung. Leichter war sie anscheinend nicht zu haben. Das Zugrundegehen ist die Voraussetzung für die Auferstehung. Es braucht den Weg zum Grund, den Weg der nicht immer einfachen Selbsterkenntnis, um das Leben zu finden. Es ist scheinbar paradox: anstatt am Leben festzuhalten findet es den Sinn im Loslassen. Der Theologe und Psychologe Lorenz Wachinger beschreibt es so: „Indem ich mich weggebe wie Jesus, die Zeit an mir arbeiten lasse und das ständige Wegsterben annehme, gewinne ich erst mein Leben, finde seinen Sinn, kann ja dazu sagen - erfahre ich, dass ich von Gott gehalten bin.“ Die Rechnung ist einfach: vertrauend auf Gott hin leben oder ver-schlossen mit sich allein sein.
Eine Bibelabend-Teilnehmerin hat es in der Abschlussrunde so ausgedrückt: Der Auferstandene hat den Jüngern gesagt: ich gehe euch voraus und ich bin froh ihm zu folgen. Es gilt also, es sich vom Herrn zusprechen zu lassen: Hinter mir her! Vielleicht doch mehr Gewinn als Verlust. Amen.

Ludwig Raischl
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04.06.2017, Da kam Jesus (Joh 20,19-23)
Pfingsten
Predigt
1. Als Furcht im Innern war…,
Gut drauf waren sie nicht, die Jünger, am Abend des ersten Tages der Woche. „Furcht vor den Juden“ und „die Türen verschlossen“, das deutet nicht unbedingt auf Startschuss und auf Loslegen hin. „Dass die Post abgeht“ und „Auf die Plätze – fertig – los“ ist hier nicht zu erwarten. Geschockt sind sie, in Schockstarre, wie es die Parteien beispielsweise nach einer verlorenen Wahl der Reihe nach trifft, aber nicht elektrisiert. Ganz und gar nicht drauf und dran, demnächst dem Evangelium Jesu Christi den Weg in die Welt zu bahnen, so dass schluss-endlich wir heute hier Pfingsten feiern können. Vielleicht hat jemand noch die Frage gestellt, ob einer etwa eine Idee hat, eine Geschäftsidee, was man tun könnte. Er hat wohl erfahren müssen, dass sie mit der Schulter zucken, die Lip-pen zusammenpressen, Löcher in die Luft schauen, die Arme verschränken im besten Fall. Die Jünger am Abend des ersten Tages der Woche. –

2. … und es ohne Hilfe von außen nicht ging…,
Da muss jemand kommen. Da braucht´s Hilfe von außen. – Das war schon bei den neunzehn Kamelen so, die der Scheich Ibrahim seinen drei Kindern ver-macht hatte, ehe er starb. Er hatte verfügt, dem ersten die Hälfte, dem zweiten ein Viertel und dem dritten ein Fünftel der Tiere zu geben. Man wusste sich keinen Rat und holte (von außen) den Richter Jussuf. Der kam mit seinem Ka-mel angeritten und nahm die Aufteilung testamentsgemäß und zufriedenstel-lend vor, so dass er wieder heimreiten konnte. Aber wie löste er die Aufgabe? Die Lösung ist von außen zu erwarten; überraschend und einfach präsentiert sie sich. Auf sich allein gestellt hätte man vielleicht geglaubt, es gibt keine Lö-sung. Miteinander für die Hilfe von außen empfänglich sein, das ist der eine Teil. Der andere lautet: Es muss auch jemand kommen. Es muss jemand kom-men zu den Jüngern am Abend des ersten Tages der Woche.

3. … kam Jesus …
Dass jemand kommt zu ihnen, das erwarteten die Jünger höchstens von den Juden, und von denen erwarteten sie nichts Gutes. Da kommt nun der, den sie nicht erwarten, auch ein Jude, wie sie alle, ihr Jesus. Mit dem hatten sie nicht gerechnet. Als sie mit ihm beisammen gewesen waren, vor seinem Tod, da hatte er immer wieder versucht, sie zum Glauben zu führen und das Vertrauen in ihnen zu begründen, sie dürften sich auf seine Nähe verlassen, ihnen zu vermitteln, dass Gott ihr Vater, und er, Jesus, sein Sohn und Gesandter sei, ihnen zu zeigen, dass sie geliebt seien. All das mit mehr oder weniger Erfolg. Dann hatte man ihnen ihren Jesus genommen, und eine Welt war für sie zu-sammengebrochen. Da kam Jesus, sagte: „Friede euch“, zeigte ihnen seine Hände und seine Seite. Wie auch immer man sich das vorzustellen hat! Jeden-falls machten sie eine Erfahrung mit Jesus – vielleicht besser gesagt: er wider-fuhr ihnen -. Als Ergebnis dieses Widerfahrnisses hält das Evangelium fest: „Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ Die Freude ist unumstößlich. Gegen sie steht nichts auf. Ob sie anhält? Nicht nur am Abend des ersten Tages der Woche?

4. …und gab ihnen von seinem Geist.
Werfen wir einen Blick auf das Leben der Jüngergemeinde, der jungen Kirche, von der wir herkommen. Sie machten sich daran, Sünden zu vergeben, also: Menschen zu befreien, die unter ihren Fehlern und Versäumnissen, unter ih-rem Unglauben und ihrer Unfähigkeit, zu lieben, gelitten hatten. Anderen, die eine längere hilfreiche Weggemeinschaft brauchten und erbaten, behielten sie die Sünden. Die Jünger hatten den Mut, auf die Nöte der Menschen zuzugehen, weil sie sagten: Uns hat Jesus mit seinem Atem neu belebt und Mut gemacht, uns hat er seinen Geist gegeben. Das können wir unmöglich für uns behalten. Seinen Geist, den Tröster, den Helfer, den Beistand brauchen alle. Sie sagten: wir lassen uns von Jesus in die Welt von heute senden. Wir bringen in unsere waffenstarrende Zeit den Frieden, der von Jesus ausgeht. Bei alldem tragen wir keine Waffen. Der Herr hat uns seine Wunden gezeigt. Er ist der, der für uns gelitten hat. An seinem Leiden erkennen wir seine Liebe. Von ihr sind wir ge-tragen, in ihr leben wir und an diesem Leben möchten wir alle teilnehmen las-sen, die sich nach diesem Leben sehnen. Nicht nur am Abend des ersten Tages der Woche.
Komm, Herr Jesus! Komm, Heiliger Geist!
Das ist das Gebet der Kirche am Pfingstfest. Wir können nur deswegen so be-ten, weil der Herr mit seinem Geist schon bei uns ist. Dass wir es glauben kön-nen, dass uns eine unbändige Hoffnung erfüllt, dass in uns die Liebe von neu-em entzündet wird, jenes Feuer, das am Anfang die werdende Kirche belebte, dass wir beten um sein Kommen – damit immer mehr Menschen aufatmen und lieben können: Das darf unsere Bitte sein am Pfingstfest 2017.
Amen
Josef Fischer
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07.05.2017, Zugang haben
4. Sonntag der Osterzeit
Predigt
Zugang haben

4. Sonntag der Osterzeit – 7. Mai 2017
Joh 10, 1-10

Durch welche Türen bin ich heute schon gegangen?
Welche Türen fallen mir ein, wenn ich den Begriff höre – „Tür“?
Türen können einladend offen stehen oder verschlossen sein. Wenn die Tür verschlossen
ist, ist es gut, wenn ich einen Schlüssel dazu habe – und wenn ich ihn dabei
habe.
Eine geschlossene Tür kann auch ein Bild für Sicherheit und Geborgenheit sein.
Wie wohltuend ist es manchmal, wenn ich heim gehen kann und die Tür hinter mir
zumachen. Und ich kann die Tür für jemanden öffnen, der mir willkommen ist.
Jesus sagt: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird
ein und aus gehen und Weide finden.“ (V.9)
Die Tür, die Jesus ist, ist nicht verschlossen, sie ist hin und her passierbar. Sie führt
nicht ins Verderben, sie führt zur Rettung, zur Nahrung, zum Frieden, zur Gemeinschaft.
In diesem Evangelium sind mehrere Symbolbilder: Hirte und Schafe, die vertraute
Stimme und die fremde Stimme – und eben die Tür. Bleiben wir für heute noch ein
bisschen bei diesem Bild: Jesus ist die Tür! – Was meint das?
„Der Zugang Gottes zum Menschen ist die Liebe. Der Zugang des Menschen zu Gott
ist die Liebe“ (Elmar Gruber). Durch die Liebe kommt Gott uns Menschen nahe. In der
Liebe, durch die Liebe finden wir Menschen einen Zugang zu Gott.
Ein Kind ist die Verkörperung der Liebe zweier Menschen.
Jesus ist die Verkörperung der Liebe Gottes. Jesus ist die fleischgewordene, lebendig
gewordene Liebe Gottes.
Das ist vielleicht eher ein Weihnachtsthema. Und führt uns doch bis hierher nach Ostern.
Das Baby Jesus, das an Weihnachten unser Herz öffnet – wie es Babys halt so
tun, wem wird nicht das Herz weich, wem kommt nicht ein Lächeln ins Gesicht beim
Anblick eines Babies – dieses Baby Jesus von Weihnachten wird erwachsen und stellt
sein ganzes Leben und seine ganze Botschaft in den Dienst, die Herzen der Menschen
offen zu halten. Die Herzen immer wieder zu öffnen für den Mitmenschen, für die
Liebe, für Gott.
Die Evangelien erzählen uns in vielfältiger Weise davon, wie Jesus heilt und lehrt, wie
er mit Menschen umgeht, wie er die Schwachen stärkt und die Gestrauchelten aufrichtet.
Er setzt sich ein dafür Türen und Herzen zu öffnen und Zugang zu schaffen zu
den Menschen, zum Leben, zu Gott.
Und nach seinem Tod öffnet er die schwerste Tür, die kein Mensch öffnen kann – die
Tür/ das Tor zwischen Tod und Leben. Das Bild dafür haben wir im Osterevangelium
gehört: der Stein, der nicht mehr den Eingang des Grabes versperrt, der weggewälzt
ist.
Der Zugang zum Leben ist offen, der Weg ist frei!
Im Gleichnis des heutigen Evangeliums ist Jesus Tür, Türhüter und Hirte zugleich.
Er öffnet den Zugang und ruft jede/n einzelne/n beim Namen.
Das ist nicht nur eine äußerliche Tür, die sich öffnet, durch die auch ein Räuber oder
Dieb kommen und Verwirrung, Angst und Chaos bringen könnten.
Nein! Jesus selbst ist die Tür und damit nicht nur ein äußerer Zugang, sondern Zugang
zu den Herzen, zum Innersten eines Menschen, zu seinen tiefen Ängsten und
Sehnsüchten und Freuden.
Je besser man einen Menschen kennt, umso schwieriger ist es manchmal ihn zu lieben.
Weil man eben auch viele schwierige, unangenehme Seiten erlebt. Und darum
ist es auch oft am schwersten, sich selbst zu lieben.
Es gibt dies schöne Geschichte, die Anthony de Mello erzählt: Jesus kommt in ein
Haus. Er möchte das Haus sehen, in dem er wohnt. Und gerne führt er Jesus herum
und zeigt ihm die verschiedenen Räume. Bis sie zu einer verschlossenen Kellertüre
kommen. Jesus fragt: „Was ist da drin?“ „Ach, nur Gerümpel, altes, unbrauchbares
Zeug“, sagt der Mann. Jesus bittet darum, auch in diesen Raum geführt zu werden.
Wiederstrebend öffnet der Mann die Tür, Es ist ihm peinlich, dass Jesus die Unordnung
sieht und die vielen alten, teils schmutzigen Dinge, die er aufgehoben hat.
Aber Jesus sieht jedes Ding an, nimmt es liebevoll in die Hand, betrachtet es und legt
es behutsam wieder an seien Platz zurück. Als er alles gesehen hat bedankt er sich,
dass er auch diesen Raum sehen durfte.
Und der Mann erzählt, wie sich tiefer Friede und Gelassenheit in ihm ausbreiten. Weil
Jesus diesen Raum liebevoll angesehen hat, braucht er ihn nicht mehr zu verstecken.
Das ist ein Bild für die „Fülle des Leben“, die Jesus immer wieder verheißt: Jesus ist die
Tür zu allen Kammern der Seele, die vorzeigbaren und auch die, die nicht jeder sehen
darf, die ich lieber vor anderen verschlossen halte.
Jesus ist die Tür zu allen Seiten des Leben, die Tür, die sich öffnet, damit alle Seiten
des Lebens letztlich einen Sinn ergeben.
Wenn ER die Tür öffnet, ist alles in Ordnung. Durch die Tür, die ER selbst ist, kommt
alles in Ordnung.
Durch seine Liebe entsteht Fülle im Annehmen dessen, was alles da ist.
Jesus ist die Tür – durch ihn haben wir Zugang zum Leben, zum ganzen Leben, zur
Freiheit, zur Gemeinschaft, zum Frieden, zu Gott.
Brigitta Neckermann-Lipp
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16.04.2017, Christus ist auferstanden
Vom heillosen Durcheinander zum österlichen Miteinander
Predigt
Osternacht
Christus ist auferstanden
Vom heillosen Durcheinander zum österlichen Miteinander
Mt 28,1-10
16.04.2017

Ein österliches Durcheinander? – Wer kommt woher und geht wohin? Wer sagt wann zu wem was? Hört man das Osterevangelium, kann´s einem leicht gehen wie bei folgendem Dreizeiler, den uns einmal jemand sagte, als wir – allesamt Träger des gleichen Vornamens – beieinanderstanden: „Sepp, sag´s ´ an Sepp´n, dass´ der Sepp ´an Sepp´n sagt, dass der Sepp an Sepp´n d´ Supp´n nachhi´ tragt!“ Nun haben wir es hier mit Beziehungsaussagen zu tun. Der Satz ist spannend, weil er eine unabsehbare Szene eröffnet. Das tut auch das Osterevangelium.
1. Ein Kommen und Gehen
Die beiden Marien, die von Magdala und die andere, sie kommen, es zieht sie zum Grab. „Um es zu betrachten“ heißt es. Um den Anblick des Grabes für immer in sich aufzunehmen, weil sie in ihm den liebsten Menschen vermuten: ihren Jesus. Aus Liebe gehen sie dorthin. Was aber sehen sie: ein Engel des Herrn ist vom Himmel herabgestiegen – „vom Himmel hoch da komm ich her“ – und er ist angekommen. Er spricht die Frauen an. Sie müssen gar nicht sagen, woher und wozu sie kommen; der Engel sagt´s für sie. Auch er ist aus der großen Liebe gekommen und weiß deswegen von ihrer Sehnsucht. Halbwegs kann er sie erfüllen: Auferstanden ist der Gekreuzigte; die Stelle, wo er lag – sie sollen kommen und sehen, sagt der Engel. Einerseits. Andererseits: Hier ist Jesus nicht. Dann sollen sie aber auch schon wieder gehen, zu den Jüngern, den Auferstandenen ansagen, und dass er vorausgeht. Sehen werden sie ihn dort. Dann folgt ein einziges Gehen und Sehen.

2. Weitersagen
Könnte schon sein, dass einem Gehen und Sehen vergehen, ginge es da nicht um das Weitersagen der Botschaft: „Er ist auferstanden von den Toten!“ Und der Auftrag, den der Engel den Frauen für die Jünger erteilt hat, den wiederholt und bekräftigt gleich darauf Jesus selbst, der ihnen begegnet. Weitersagen sollen sie. Weitersagen, Schwestern und Brüder. Manchmal wird gesagt von Kursteilnehmern: Ja, wenn ich jetzt heimkomme und dann fragen sie mich, was war denn da, was habt ihr alles gemacht?, und dann kann ich gar nicht so leicht was sagen. Das gilt auch von einem Gottesdienst, der einen insgesamt erhoben, der einem gutgetan hat. Was kann man weitersagen? Sicher, dass man wo gewesen ist. Der Name eines Ortes, er sagt schon etwas, aber noch nicht das Wesentliche. Und kann ein anderer an dem teilnehmen, wo er nicht dabei war? Wenn man selber schon durch etwas hindurchgegangen ist, und die anderen, zu denen ich komme, auch, dann verbindet uns eine gemeinsame Erfahrung. So können die Frauen den Jüngern von Jesus erzählen, vom Gekreuzigten. Das verbindet sie. Aber vom Auferstandenen? Weitersagen, dass er auferstanden ist? – Wir wünschen uns heute „Frohe Ostern!“. Die Griechen sagen. „Christos anesti“, und die Russen: „Christos woskresse“ – und bekommen zur Antwort: „Woistinu woskresse!“: Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaft auferstanden! Was ist unsere Botschaft, was ist unser Glaube, was sagen wir weiter, was geht von uns aus, von uns weg, von uns her? Wenn gar nichts weiterginge – dann wären wir nicht hier! Aber: was sagen, was weitersagen? Hören wir dazu Jesus selbst.

3. Hören und Sehen
Jesus lässt sich selber sehen und hören. Es heißt: Er begegnet ihnen und er grüßt sie. Das ist ein Erstes: Begegnen und Grüßen. So zumindest fängt der Auferstandene an. Und die Frauen: Sie sagen nichts, sie fassen ihn an, und er sagt ihnen, sie sollen sich nicht fürchten. Sich nicht fürchten. Ist das nun viel verlangt oder ist das ein Wort? Eines das trifft? Dass man sich nicht fürchten soll – ist das nicht ein kühnes, ein fast unglaubliches Wort angesichts der Lage der Welt, angesichts der Lage vieler Menschen und ihrer Seelen, angesichts der ganzen Gemengelage? Was ist kühner? Zu sagen: fürchtet euch nicht, auch wenn es in der Welt manchmal wirklich zum Fürchten ist? Oder zu sagen: Fürchtet euch nicht, Christus ist auferstanden. Geht dorthin, wohin er euch bestellt hat; dort werdet ihr ihn sehen? Angesichts der Weltlage könnten einem Hören und Sehen vergehen. An die Auferstehung Jesu glauben wird zu einem vertieften Hören und Sehen führen. Welt und Leben sind dann kein heilloses Durcheinander, wohl aber ein österliches Miteinander, oder: wie Papst Franziskus sagt: „wunderbar komplex“ (Amoris laetitia 308).

AMEN.
Josef Fischer
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14.04.2017, Für die Liebe gibt es immer ein Hernach
Karfreitag
Predigt
Karfreitag
Für die Liebe gibt es immer ein Hernach
Joh 18,1-19,42
14.04.2017

1. Wo kommen wir denn da hin!
Im Anschluss an die Fußwaschung gestern, die dem Petrus eine nicht geringe Lernanstrengung abverlangt hatte, hat Jesus vom neuen Gebot gesprochen: „Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“ (13,34) Das ist für Petrus in dieser Weise unerwartet, neu, überraschend. Es ist viel für ihn, und er braucht Klarheit. Was meint der Meister, was hat er vor, auch: wo kommen sie da hin mit ihm? Ja, wo kommen sie hin? Ja, wo kommen wir denn da hin? – so fragen wir auch, und es schwingt dann unwillig – Erregtes mit. Petrus fragt also: „Herr, wohin gehst du?“ (13,36). Jesus antwortet: „Wohin ich gehe, kannst du mir jetzt nicht folgen; du wirst mir aber später folgen“ (36). Das ist nun für Petrus keine Antwort: „Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben“ (37). Jesus antwortet: „Dein Leben willst du für mich hingeben? Wahrlich, Wahrlich, ich sage dir: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“ (38).

Das sitzt. Für immer. Die ganze katholische Welt hört heute am Karfreitag wie in jedem Jahr, dass Petrus den Herrn dreimal verleugnet hat, einmal vor einer Magd, der Türhüterin, dann vor den Knechten, die sich der kalten Nacht wegen wie Petrus am Feuer wärmen, und schließlich vor einem Knecht des Hohenpriesters, und dieser Knecht ist obendrein ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hat (18,15-27). Wer ist bloß dieser Petrus? Bei der Gefangennahme hat Petrus plötzlich ein Schwert in der Hand, er zieht das Schwert, er schlägt den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab, und zwar das rechte. Um seinem Gegenüber das rechte Ohr abschlagen zu können, muss man ein Linkshänder sein, oder im Getümmel drauflosschlagend zufällig – aber höchst unwahrscheinlich – einen solchen Treffer landen. Wie auch immer: ein abgeschlagenes Ohr ist eine doch merkwürdige Ausbeute, mit der sich Petrus eher oder eigentlich lächerlich macht. Besser gesagt: Nicht Petrus erscheint als lächerlich, sondern die wild um sich schlagende Gewalt. Jesu Anweisung an Petrus ist denn auch denkbar knapp: Stecke das Schwert in die Scheide. Diese Anweisung Jesu ist freilich später nicht immer befolgt worden, zum Schaden vieler Menschen und zum Schaden der Kirche. Jesus stellt vielmehr eine rhetorische Frage: Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich ihn etwa nicht trinken? Petrus hat´s nicht leicht. Da hätte er sich einmal mutig hervorgetan, und dann war´s doch nur ein besserer Luftstreich.

2. Ehrlich!
Sind wir uns ehrlich! Machen wir uns nichts vor! Wenn man von einem sagt: Der hat getan, als würde er mich nicht kennen, wenn man von einem sagt: Der hat mich glatt verleugnet, der braucht sich eigentlich nicht mehr blicken lassen. Wenn einer Sprüche macht, dann ist er ein Sprüchemacher, wenn einer den Mund zu voll nimmt, dann ist er ein Maulheld, wenn einer wild und blind drauflosschlägt, dann ist er ein Kasperl, wer einen anderen verleugnet, ist ein Verräter, ob er nun Judas heißt oder Petrus.

3. Hernach!
Für Petrus gibt es ein „hernach“ (vielleicht auch für Judas?). Da wird er Jesus folgen, treu bis in den Tod am Kreuz. Petrus musste den Weg des geliebten Meisters mitgehen, ohne ihn zu verstehen, ohne zu wissen oder auch nur zu ahnen, wohin dieser Weg führen sollte. Sein impulsives, kämpferisches, draufgängerisches Herz erwies sich zunächst als das eines furchtsamen Hasen. Der Herr nahm ihn in die Schule der Liebe, er ließ nicht ab von Petrus, und er ergriff immer wieder die Chance. Und wenn er hundertmal jede Selbstachtung verloren hat, sich zu Tode schämt, der Herr nimmt seine Scham an und gibt ihm die Achtung wieder. Wie furchtbar ist das für ihn, dass sein Herr und Meister am Kreuz stirbt, und er hat ihn verraten! Petrus lernt, trotz allem an die Liebe zu glauben, dass man ihn mögen, ihn gernhaben kann trotz allem. Und hernach, aber wirklich erst hernach, zeigt sich ihm der Auferstandene.

Meine Lieben. Geben wir uns selber nie auf. Geben wir einander nicht auf. Einer ist, der uns nicht aufgibt: Jesus, der Herr, der uns liebt, bei dem wir ein Leben lang in die Schule gehen dürfen.

AMEN.
Josef Fischer
13.04.2017, Widerstand und Ergebung
oder: zur Liebe befreit werden
Predigt
Gründonnerstag
Widerstand und Ergebung
oder: zur Liebe befreit werden
Joh 13,1-15
13.04.2017

Das einzig Bleibende ist die Veränderung, und nichts bleibt so, wie es war. Dass dem so ist, das wissen wir. Aber oft genug stemmen wir uns gegen das, was fremd und ungewohnt ist. Freilich gibt es die Chance, sich einer veränderten Situation zu öffnen, im Neuen vielleicht sogar den Zugewinn zu sehen. Es braucht einen treuen Begleiter, einen mit hartnäckiger und liebevoller Geduld. Es braucht den, der weiß, dass wirkliches Wachstum nur unter Schmerzen, unter Abschieds-Schmerzen geschieht. Es braucht einen, der mit dem menschlich verständlichen Widerstand so umgeht, dass er zur Ergebung wird, zu einer Ergebung freilich, die zu mehr Leben führt, zur tiefen Wahrheit und zur großen Liebe.

1. Aus Liebe sorgt Jesus für Unterbrechung
Für Jesus ist klar - er weiß -, dass er aus dieser Welt zum Vater hinübergeht. Die Seinen liebt er, und es heißt, dass er sie „bis zum Ende“, dass er sie aufs Tiefste liebt, dass er sich nach ihnen sehnt und ohne sie nicht sein will. Noch einmal halten sie Mahl. Da weicht Jesus vom gewohnten Gang ab, er unterbricht. Es heißt: Er steht vom Mahl auf. Das ist beunruhigend. Was tut er da? Er legt die Oberkleider ab, umgürtet sich mit einem Leinentuch, gießt Wasser in das Waschbecken und beginnt, die Füße der Jünger zu waschen und mit dem Leinentuch abzutrocknen. Man hat den Eindruck, das geht lautlos, ohne Kommentar, ohne Nachfrage, ohne Widerspruch. Eigentlich ist das seltsam. Der Herr und Meister wäscht den Jüngern die Füße. Das lassen die sich gefallen? Merken sie nicht, was da geschieht? Die gesamte Ordnung stimmt doch nicht mehr! Es läuft tatsächlich, bis Jesus zu Simon Petrus kommt. Der erfasst mit dem untrüglichen Sinn eines Menschen, der das Leben kennen und seinen Meister lieben will – da kann er sich so leicht nicht übertreffen lassen – der erfasst im Augenblick das Ungeheuerliche, das sich tut, das Jesus tut. Petrus spürt, dass diese Unterbrechung mehr ist als ein äußeres Handeln, er wittert fein den Umsturz. Sein Meister, dessen Kraft er kennt, dessen Liebe ihn bezwingt, will ihm die Füße waschen.


2. und begleitet den Widerständigen
Dass wir uns recht verstehen: Petrus steht für den Menschen, dem gerade gezeigt wird, dass er liebenswert ist, dass er sich was schenken lassen soll, dass er sich nicht zu gut sein soll dafür, von jemandem was anzunehmen. Wittert der moderne Mensch die Gefahr, sich abhängig zu machen? Zur Gegenleistung verpflichtet zu sein? Als Hilfsbedürftiger zu erscheinen? Was möchte er denn, der moderne Mensch? Auf keinen Fall angewiesen sein auf andere? Sich nicht bedienen lassen, sich nicht helfen lassen müssen, unabhängig, selbstmächtig bleiben können? Aber doch auch, nicht einsam sein müssen, sondern in guter Gesellschaft leben? Wir tun gut daran, den Menschen zu verstehen, denn wir sind selber mehr oder weniger dieser Mensch. Zunächst möchte man dem Petrus zurufen: Lass es dir doch gefallen, dass dir der Herr die Füße wäscht, dass er dir seine Liebe zeigt. Aber vielleicht bleibt unsereins doch das Wort im Hals stecken. Zu vertraut scheint nämlich die Abwehr-Reaktion des Petrus: „Herr, du wäschst mir die Füße?“ Jesus verweist ihn zunächst darauf, „hernach“ werde er sein Tun verstehen. „Hernach – das ist dem Petrus zu weit weg und überhaupt: Die Füße wirst du mir auf keinen Fall waschen – „in Ewigkeit nicht“. Jesu großer barmherziger Trumpf, den er nun hervorholt, lautet: „wenn ich dich nicht wasche, hast du nicht teil an mir, hast du keinen Platz bei mir“. – Keinen Platz haben, das geht gar nicht. Petrus erfasst es jäh, urplötzlich, und er will ein Vollbad, nicht nur die Basis-, sondern die Totalreinigung. Beim Meister keinen Platz haben, das wäre der Tod.

3. zur Ergebung
Petrus musste lernen, sich bedienen und lieben zu lassen, die Liebe des Meisters anzunehmen. Erst als Jesus dem Petrus deutlich macht, dass er sich mit seinem Stolz selber ins Abseits manövriert und allein bleibt, begreift er, dass er beinahe die Liebe selbst ausgeschlagen hätte. Und so nimmt Petrus Abschied von der Eigenmächtigkeit, der Selbstverliebtheit, letztlich aber von einer tiefen Lebensfurcht und tragischen Selbstverschließung. Er akzeptiert seine Liebebedürftigkeit und wird fähig für die Frage, die ihm der Auferstandene kurze Zeit später stellen wird: Simon Petrus, liebst du mich? Wirst du dich mir zur Verfügung stellen für eine Aufgabe, mit der du Verantwortung in Freiheit übernimmst? Leitende Verantwortung für andere? Jesus führt den Petrus aus der Verliebtheit zur Liebe. Das bedeutet für Petrus einen schmerzlichen Veränderungsweg und Wandlungsprozess, das fordert zunächst seinen Widerstand heraus, fördert aber seine Ergebung. – Dass wir in den Herausforderungen unseres Lebens die Hand unseres Herrn erkennen, der in uns die Kraft der Liebe stark machen will, das ist eine Lebensaufgabe, vor allem aber die österliche Gabe des Herrn an uns heute und hier.
AMEN.
Josef Fischer
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02.04.2017, Ich bin die Auferstehung - glaubst du das?
5. Fastensonntag
Predigt
Ich bin die Auferstehung - glaubst du das?
5. Fastensonntag (02.04.2017)
Joh 11,1-45

Es ist ein langes Evangelium, 45 Verse, 5 Runden hat es gebraucht, bis wir bei der Begegnung mit der Bibel die ganze Stelle, Vers für Vers gelesen ha-ben. Das Thema ist Krankheit, Trauer, Tod – und die Frage nach dem Glau-ben. Ich möchte 2 Gedanken zum Thema legen.
Zum einen: es geht also um Krankheit, Trauer und Tod. Und das ist nicht so schnell abgearbeitet. Wohl die meisten von uns haben Erfahrungen dabei, wenn Großeltern, Eltern, der/die Partner/in, vielleicht ein Kind, ein naher Mensch von uns gegangen ist – wieviel Erfahrung steckt in diesem Kir-chenraum, der in der längsten Zeit seiner fast 700-jährigen Geschichte Spi-tal/Krankenhaus gewesen ist. Im Grunde könnte man sagen, diese Erzäh-lung ist die Geschichte einer Trauerarbeit aus dem Glauben heraus. Und gläubige Trauerarbeit geht auch nicht schneller. Schauen wir nur, wieviele Strecken zurückgelegt werden – zunächst kommt ein Bote mit der Nach-richt, dass Lazarus krank, schwerkrank, todkrank, ist. Erst nach 2 Tagen (warum?) bricht Jesus mit den Jüngern auf. Dann kommt Marta Jesus ent-gegen, Marta läuft zu Maria, Maria zu Jesus – er ist noch nicht im Dorf. Die Trauernden folgen ihr, dann gehen sie zum Grab. Viel Bewegung also, viele Stationen. Trauerarbeit ist nichts Statisches, es kommt etwas in Gang, es fließt, nicht nur die Tränen. Emotionen sind im Spiel. Das ist auch an Jesus abzulesen. Jesus ist mit den 3 Geschwistern befreundet, in liebender Ver-bundenheit. Es ist nachzuvollziehen, dass auch ihm angesichts des toten Freundes die Tränen kommen. Auch er wird ergriffen von der Trauer der Freunde und der Leute, die gekommen sind um die Schwestern zu trösten. Von Grimm ist die Rede, auch das kennt die Trauer: Wut und Zorn - und Er-regung, aufgewühlt sein. Das alles darf sein, ist sogar sehr wichtig ange-sichts des Todes eines lieben Menschen. Jesus ist da ganz Mensch, da wird er uns ganz nah und sympathisch.
Bis jetzt könnten die Gedanken auch einem Seminar zur Trauerarbeit ent-nommen sein. Doch das Evangelium kennt eine zweite Seite, ich nenne sie einmal die gläubige Trauerbewältigung. Allein das Wort Glauben kommt siebenmal im Text vor. Was ist nach dem Evangelium das Besondere am christlich trauern? Wie gesagt, auch der Christ durchschreitet die Stationen menschlicher Trauer. Doch es kommt etwas dazu. Der aufgeklärte Mensch sagt nüchtern: mit dem Tod ist alles aus. Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis für ein Leben nach dem Tod. Viele Zeitgenossen heute sehen das so. - Wir sind da, weil wir das nicht so sehen. Wir suchen nach Antworten und finden Analogien in der Natur. Was zu Erde wird, wird Nährboden für neues Wachstum und Leben. Oder das Bild der Raupe, die sich zum Schmetterling wandelt. Alles Hilfen für ein gläubiges Suchen nach einem Sinn in der Trau-er, angesichts des Todes. Auf unserer Suche als Christ kommt uns plötzlich noch jemand entgegen. Es ist Jesus, der von sich sagt: Ich bin die Auferste-hung und das Leben. Es kommt der hinzu, der selber hinabgestiegen ist in die menschlichen Tiefen des Todes und der am dritten Tag auferweckt wur-de. Es kommt die Erfahrung „Jesus lebt“ der ersten Frauen und Männer am Ostermorgen hinzu. Und seitdem klingt es durch die Zeit: Ich bin die Aufer-stehung und das Leben, wer an mich glaubt, wird leben auch wenn er stirbt. Wir wiederholen es bei jeder Beerdigung, damit es in unser gläubiges Bewusstsein eindringt. In Jesus können wir die Herrlichkeit Gottes sehen, so der Evangelist. Er gibt uns Einblick in das Himmelreich. Er lädt uns dazu ein, er möchte Kontakt mit uns, in jeder Eucharistiefeier wird es handgreif-lich – auch jetzt wieder.
Und dann kann es sein, dass Krankheit-Trauer-Tod in einem anderen Licht erscheinen. Dass ich nicht allein bin. Dass es eine Beziehung gibt, die über Zeit und Raum hinausragt und verbindet. Dass mit der Zeit sich Trost ein-stellt und die Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles weg und aus ist. Son-dern dass es ein Wiedersehen in der Herrlichkeit Gottes gibt.
Glaubst du das. Ja ich glaube. Amen.
05.02.2017, Die Würze des Lebens
5. Sonntag i.Jk
Predigt
Die Würze des Lebens

5. Sonntag i.Jk, 5. Februar 2017
Mt 5, 13-16; Jes 58, 6-10


Eine Taschenlampe ohne Batterie hatte ich mal auf einer Berghütte dabei. Eine Taschenlampe, die dann in der Nacht, wenn man sie braucht, nicht leuchtet – das ist sinnlos. Da hätte ich die ganze Lampe nicht mitzunehmen brauchen.
Genauso sinnlos, so absurd ist es, eine Lampe anzuzünden und sie dann unter ein Gefäß zu stellen, damit niemand das Licht sieht – oder Salz, das nicht salzig schmeckt. – Das braucht kein Mensch!
Kann das überhaupt passieren, dass Salz „seinen Geschmack verliert“?
Diese Frage habe ich letzte Woche einer Chemie-Lehrerin gestellt.
„Nein“, war die Antwort, „denn „salzig sein“ ist eine Kenneigenschaft von Salz“
Der Begriff „Kenneigenschaft“ hat mir gefallen. Was sind Kenneigenschaften der Menschen, die das Wort Gottes hören? Was sind unsere Kenneigenschaften als Christinnen und Christen?

Sehen wir das heutige Evangelium dazu zunächst in seinem Zusammenhang: Wir befinden uns am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu. Jesus verkündet in Galiläa die Frohe Botschaft vom Reich Gottes, er heilt viele Kranke und beruft seine Jünger. Viele Menschen folgen ihm und er steigt auf einen Berg und lehrt sie. Eines der ersten, was er den Jüngern, die ihm folgen sagt, sind die Selig-preisungen und gleich im Anschluss das Wort vom „Salz der Erde“ und vom „Licht der Welt“ (das wir heute gehört haben). Dann folgen Erläuterungen zu verschiedenen konkreten Lebensumständen. Dabei fällt auf, dass Jesus immer „noch eins drauf setzt“, dass er immer noch ein bisschen mehr erwartet, als vom Gesetz vorgeschrieben ist, dass zur Beachtung der Vorschriften immer noch eine Prise Güte, Liebe, Vergebung dazu kommen.
Es mag seltsam erscheinen, dass Jesus am Anfang seines Wirkens gleich so ho-he Ansprüche stellt. Ist das nicht irgendwie abschreckend?

Sicher, „anspruchslos“ ist das Evangelium nicht, dann wäre es aber auch lang-weilig, fad, ohne Wirkung. Dann würde es niemand brauchen – wie eben Salz, das nicht salzig ist oder Licht, das nicht leuchtet. Und es hätte sicher nicht bis heute überdauert.
Vielleicht ist das auch die Gefahr unserer Zeit: ein Evangelium, das fad und kraftlos ist, das keine Ausstrahlung hat, eine „Frohe Botschaft“ die unfroh ist - das braucht kein Mensch.

Und: da die Seligpreisungen, die Rede vom Salz der Erde und vom Licht der Welt, die „Prise“ Liebe und Güte, die überall dazu kommt, am Anfang des Wir-kens Jesu stehen, liegt es nahe, dass es sich nicht um zusätzliche Aufgaben handelt, nicht um Ansprüche, die zum „Normalen“ noch dazu zu erfüllen sind, sondern dass sie das Fundament bilden.
Das Bildwort vom „Salz der Erde und Licht der Welt“ ist kein Appell an uns, kei-ne Aufforderung „jetzt macht mal“, sondern ein Ist-Zustand: Ihr SEID das Salz der Erde: verweigert eurer Umgebung nicht die Würze, nicht den Geschmack! Ihr SEID das Licht der Welt- versteckt es nicht!

Denn davon geht alles aus:
Immer wieder daran zu glauben, dass Liebe, Gerechtigkeit und Güte letztlich den Sieg davontragen, auch wenn es zunächst manchmal nicht danach aus-schaut.
Darauf vertrauen, dass die Zukunft der Welt nicht in der Hand der Klugen und Mächtigen liegt und schon gar nicht in der Hand von Angst und Terror, son-dern in Gottes Hand.
Dieses Vertrauen erhellt die dunklen Ecken unseres Lebens und strahlt aus auf andere – wenn wir es nicht unter einem „Gefäß“ verstecken – was ja absurd wäre.

Leben in dem Wissen, dass Gott bei uns ist, ist eine „Kenneigenschaft“ von uns Christinnen und Christen.
Ein Mensch, der lebt auf der Grundlage, dass Gott uns alle und die Welt in sei-ner Hand hält und alles zum Guten führen wird, strahlt aus – und das kann un-sere gebeutelte und oft beängstigende Welt wirklich gut gebrauchen!

Wie beim Salz reicht oft „eine Prise“ Gottvertrauen, um das Leben schmackhaft zu machen oder (eine weitere Eigenschaft von Salz), Eis zum Tauen zu bringen und Wege wieder begehbar zu machen - eine Prise in ALLEM, was uns bewegt und uns begegnet.
Würzen wir unser tägliches Leben, all unser Tun und all unser Sein mit einer Prise Vertrauen auf Gottes Liebe.
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08.01.2017, Lass es nur zu!
Taufe des Herrn
Predigt
Lass es nur zu!
Taufe des Herrn (8.01.2017)
Mt 3, 13-17

Die verunsicherte Gesellschaft, so war ein Beitrag zum Jahreswechsel über-schrieben. Immer öfter ist im Blick auf die heutige Zeit von einer Verunsi-cherung die Rede angesichts von Terror und populistischen Reaktionen da-rauf. Das Vertrauen in die Politik wie auch in die Medien ist gefährdet. Die Menschen fühlen sich haltlos und bedroht. Angst geht um, obwohl es den meisten in unserem Land materiell gut geht.
Die Bilder, die uns die Jesaja-Lesung aufzeigt, wirken da wie Balsam auf die bedrohten Seelen. Vom Messias heißt es da: er schreit und lärmt nicht – Populismus hat er nicht nötig; das geknickte Rohr zerbricht er nicht – er sieht das Kleine, Verletzte und bringt Heilung, Durchblick und Freiheit aus all dem, was fesselt und bedrückt.
Für uns Christen ist in Jesus von Nazareth der Messias zu uns gekommen. An Weihnachten haben wir seinen Geburtstag gefeiert. Der Evangelist hat ihn uns als den Immanuel, den Gott mit uns, vorgestellt. Er lässt uns nicht allein, wir können mit ihm in Kontakt sein, sein Wort hören, darauf ant-worten, mit ihm sprechen, auf Du und Du. Heute betritt er im Matthäus-evangelium als Erwachsener die Bühne. Er kommt an den Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen. Doch dieser sträubt sich. Und nun hören wir Jesu erste Worte nach Matthäus. „Lass es nur zu!“ Mit diesem „lass es nur zu“ werden wir auf eine Grunddimension des Christlichen hingewiesen. Jesus erinnert Johannes, den asketischen Umkehrprediger, dass es einen Plan Gottes gibt und dass jeder Mensch darin einen Platz hat. Johannes – und mit ihm wir alle - wird darin erinnert, dass nicht das menschliche Ma-chen und Tun das Erste in diesem Plan ist, sondern das Empfangen, das Zu-lassen. Der Mensch kommt im Letzten nicht zu sich selbst durch das, was er tut, sondern durch das, was er empfängt. In unserer Sprache ist noch immer die Rede von Empfangen, wenn menschliches Leben wird. Das ist ein Geschenk. Und dieses Geschenk kann man nicht machen. Es ist kein Verdienst. Es ist nur zu empfangen. Jesus in seiner ganzen Existenz steht dafür. Für uns Menschen ist er im Kind, ganz klein und bedürftig, Mensch geworden. „Dies ist mein geliebter Sohn“, so die Stimme aus dem Himmel heute im Evangelium. Durch sein Leben hat er uns gezeigt, was Liebe im göttlichen Sinn heißt: sich denen zuwenden, die es nötig haben, heilen; die Botschaft, wie Gott die neue Welt gedacht hat, den Menschen nahebrin-gen: den Armen, den Trauernden Ansehen geben, für Gerechtigkeit und Frieden sorgen, ohne Gewalt. Durch seinen Weg hat er uns gezeigt, was Liebe heißt: Liebe gegen alle Widerstände bis in den Tod – für uns Men-schen.
Lass es nur zu, sagt Jesus zu jeder und jedem von uns. Lass es nur zu, dass Du geliebt bist. Lass es nur zu, du bist gewollt und gebraucht. Mit dieser Botschaft im Herzen geh deine Wege und vertrau der Stimme in deinem In-neren. Das gibt dir Sicherheit und nimmt die Angst, auch in verunsicherten Zeiten und dunklen Tagen. Das Reich Gottes ist bereits da, wenn auch nicht marktschreierisch. Tu deine Sinne auf! Du wirst es spüren, oft im Kleinen und Leisen: da wo Heilung stattfindet, wo der Friede unerwartet einzieht, wo jemand Zeit und Aufmerksamkeit schenkt, wo die Antenne auf die Ge-genwart Gottes ausgerichtet ist. Lass es nur zu, ich bin da – die uralte und ewigneue Botschaft!
Viele Christen haben in ihrem Leben dieses „Lass es nur zu“ eingeübt. Das bekannte Gebet des Niklaus von der Flüe könnte diese Überschrift „lass es nur zu“ tragen:
Mein Herr und Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir.
Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.
Amen.
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01.01.2017, Jesus, der Retter ist da
Neujahr 2017 – Hochfest der Gottesmutter Maria
Predigt
Jesus, der Retter ist da
Neujahr 2017 – Hochfest der Gottesmutter Maria
Lk 2,16-21

Ein gutes neues Jahr wünschen wir uns heute, und wir wissen: das können wir alle gebrauchen, unterschiedslos. Selten erleben wir so ein-fach, so unmittelbar und unumstößlich: Wir stecken alle in derselben Haut. Wir sind Menschen. Wir haben ein neues Jahr vor uns. Wir haben nicht alles in der Hand. Wir halten zusammen und tun dies, indem wir uns alles Gute wünschen. Alles Gute! Bescheiden sind wir ja nicht gera-de. Wir wünschen uns Gesundheit und meinen damit mehr als das blo-ße Funktionieren der Organe, obwohl das auch nicht wenig ist. Wir wünschen uns Glück und meinen damit, dass man es braucht, über alle Machbarkeit und die entsprechende eigene Anstrengung hinaus. Wir wünschen uns Gottes Segen. Das tun wir im Glauben, dass wir im um-fassenden Sinn liebebedürftig sind, auf Annahme angewiesen, dass un-sere Sehnsucht grenzenlos ist, und dass wir nur zu retten sind, wenn Gott uns entgegenkommt.

1. Bist du noch zu retten?
Nun haben wir in der Christmette die Botschaft der Engel gehört: Heute ist euch der Retter geboren, er ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Ein Retter ist uns also gegeben. In der Frage: Bist du denn noch zu ret-ten? schwingt Empörung mit, Verständnislosigkeit und Erschrecken an-gesichts dessen, was da einer tut oder vorhat, und was abweicht von der gesellschaftlichen Norm. Wenn gläubige Menschen ja sagen zu ei-nem Kind, das schwer behindert sein wird, wenn sie einem, der ihnen feindlich begegnet ist, sie vielleicht sogar ruiniert hat, vergeben, weil sie selber nur so in Frieden leben können, wenn sie auf eine angestammte gesellschaftliche Stellung verzichten, um Menschen in Not zu helfen, wenn sie sich einem allgemeinen öffentlichen Geschrei widersetzen und zur Vernunft mahnen, dann und in vielen anderen Fällen kann es sein, dass man ihnen zuruft: ja, bist du denn noch zu retten? Ist dir (über-haupt noch) zu helfen? Und ein Christ könnte dann antworten: Ja, ich bin noch zu retten, ja, noch viel mehr: Ich bin schon gerettet, weil ich an den glauben, den die Engel in der Heiligen Nacht den Hirten als Retter verkündet haben: an den Christus glaube ich.

2. Jesus, der Retter, ist da.
Von diesem Retter sagt nun heute das Evangelium, dass ihn die Hirten fanden in der Gestalt eines Kindes, liegend in einer Krippe, in der Gesell-schaft von Maria und Josef. Man muss sich das vorstellen, um das An-stößige, die arge Zumutung, ja das Ärgerniserregende und den Skandal zu ahnen, der in diesem Vorgang liegt: in einem Kind wird uns der Retter präsentiert, der Heiland, der Erlöser. Die Hirten sehen, ihnen gehen die Augen auf. Die Hirten, ansonsten schweigsam und wortkarg, von schö-nen Reden hielten sie nichts, die Hirten geben plötzlich Kunde, sie wer-den die ersten Verkünder dieses Retters, der nicht hochgerüstet und wehrhaft, nicht mit Gewalt auftritt, sondern wehrlos, gewaltlos, abge-rüstet. Gott zeigt sich als Kind, Gott wird ein Mensch – und so rettet er uns. Maria, die Mutter bewahrt die Worte der Hirten, erwägt im Herzen und beginnt zu begreifen, beginnt zu glauben. Maria erinnert sich an das Wort des Engels bei der Verkündigung: Du sollst deinem Kind den Namen Jesus geben. Einfach: Jesus, ohne jeden bedeutsamen oder großartigen oder machtvollen Zusatz. Ein Menschenname für ein Men-schen(s)kind. Einfach: Jesus, übersetzt: Gott rettet. Dieses Kind ist Pro-gramm. So wird dieses Kind, das von Gott her als Retter der Welt ver-kündet wird, Jesus genannt, heute, acht Tage nach seiner Geburt.

3. Heute
Zum Ende seines Evangeliums wird Lukas von der Rettung eines Verlo-renen erzählen. Der eine der beiden Übeltäter, die neben Jesus am Kreuz hängen, wird ihn mit diesem Namen nennen und anrufen: Jesus, ge-denke meiner, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sagt zu ihm: Amen, wahrlich, dir sage ich: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Da ist es wieder: dieses Heute, da ist er wieder: dieser Jesus, da ist sie wieder: diese Rettung. Was am Anfang des Evangeliums in Aussicht ge-stellt, von Hirten verkündet und von Maria im Herzen erwogen wird, das wird am Höhepunkt des Evangeliums wahr in der Rettung des Ver-lorenen.

Unser Glaube heißt: Jesus, der Retter ist da. Wir sind zu retten. Wir stel-len uns dem Retter der verlorenen Welt als Mitarbeiter zur Verfügung. Zum Glück, zur Gesundung, zum Segen, der von Gott zu allen Menschen kommt.
Amen
JF
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