Adventskalender 2020

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26.12.2020 · Josef Fischer
Fröhlich sein - Gutes tun - und die Spatzen pfeifen lassen
Hl. Stephanus - Mt 10,17-22

Auf den Ersten Weihnachtsfeiertag folgt der Zweite, auf das Hochfest der Geburt des Herrn folgt das Fest des Hl. Stephanus. Wie passt das zusammen? – Dazu hat Fulgentius von Ruspe (+ 532) in einer Predigt am Fest des heiligen Stephanus Folgendes gesagt: “Gestern ging unser König, gehüllt in den Mantel des Fleisches, aus dem Schoß der Jungfrau hervor und besuchte in Gnaden die Welt, heute verließ der Streiter das Zelt des Leibes und zog als Sieger ein in den Himmel“. Für mich stellen diese wenigen Zeilen
den Zusammenhang her. Sie bezeugen in lapidarer Kürze und radikaler Klarheit das Mysterium, das weihnachtliche Geheimnis unseres Glaubens: Gott kommt in Jesus vom Himmel auf die Erde und besucht in Gnaden die Welt - das ist Weihnachten. Der Mensch geht in die Gegenbewegung und die Erde kehrt heim in den Himmel – in der Gestalt des heiligen Stephanus als dem Ersten Zeugen der Liebe, der Güte und Menschenfreundlichkeit, die in Jesus erschienen ist (Titusbrief 3,4). –

Von nun an geht es heimwärts - mit uns Menschen, mit der Schöpfung, mit dem Universum. Wenn das keine frohe Botschaft ist! Sie befreit uns von der ängstlichen Sorge um uns selbst (vgl. Mt 10,19) und wir sind befreit zur Liebe, vor allem zu denen, die am meisten liebebedürftig sind. Stephanus hat ihnen als Diakon der Kirche gedient, und auch wir werden in solchem Dienst froh. – DDas ist heute so recht ein Tag, um – frei nach Don Bosco - froh zu sein, Gutes zu tun und die Spatzen pfeifen zu lassen.

Josef Fischer, Domkapitular em.


25.12.2020 · Ludwig Raischl
Christ der Retter ist da
Weihnachten – Mt 1,1-25

Der Evangelist Matthäus hebt in seiner Erzählung über die Geburt Jesu auf die Bedeutung des Namens Jesu ab (vgl. 18.12.). In der Antike galt die Namensgebung durch den Vater als rechtliche Anerkennung des Vater-Sohn-Verhältnisses. Über diese rechtlich bedeutende Sicht kommt die inhaltliche Bedeutung wesentlich hinzu. Im Traum erhält Josef vom Engel die Anweisung dem neugeborenen Kind den Namen Jesus zu geben. Der Name Jesus bedeutet: Gott rettet. Und wieder ist für den Evangelisten der Name Programm. Schon im Stammbaum Jesu verdeutlicht der Evangelist, was es konkret heißt, dass Gott rettet. So fällt beim Blick zu den vier im Stammbaum genannten Frauen auf, dass nicht die Stammmütter wie Sarah oder Rahel aufgeführt sind, sondern mit Tamar, Rahab, Rut und Batseba allesamt nichtisraelitische Frauen. Sie befinden sich in einer äußerst schwierigen Lage. Sie brauchen Hilfe und Unterstützung. Doch Gott steht auf ihrer Seite. Er greift rettend ein. Genauso ist es bei Maria, der Mutter Jesu, dessen Geburt wir heute feiern. Sie hat am eigenen Leib das rettende Eingreifen Gottes erfahren. Ihr Sohn, Jesus, rettet und heilt bedürftige Menschen. Die Frage stellt sich: Wo bin ich hilfsbedürftig und vertraue auf Jesus, den Retter? Mit dieser Frage im Gepäck darf ich aus voller Kehle einstimmen in das „Christ, der Retter ist da“, wenn auch heuer wieder das Stille Nacht angestimmt wird.

P.S. Wen das rettende Eingreifen Gottes bei den Frauen im Stammbaum Jesu näher interessiert, dem sei die Lektüre der Stellen in der Bibel empfohlen. Vielleicht ergibt sich in der Weihnachtszeit eine freie Zeit dazu.

Ludwig Raischl, Direktor im Haus der Begegnung


24.12.2020 · DK Dr. Anton Spreitzer
Heute ist euch geboren ...
Heiliger Abend – Lk 2,1-14

Endlich! Heute ist Weihnachten! Heiligabend! Wieder hören wir die so wunderbar schlicht erzählte Geschichte von der Geburt Jesu. All die bekannten Personen und Orte kommen wieder zu uns und verbinden sich mit den frühesten Erinnerungen an diesen besonderen Abend! Aller Augen ruhen auf diesem kleinen Kind in der Krippe im Stall, in den die heilige Familie ausweichen musste, weil in der Herberge kein Platz für sie war (vgl. Lk 2,7).

Ein kleines Kind, ein Neugeborenes – mehr als nur das Auftauchen eines weiteren Exemplars der Spezies Mensch. Ein Ursymbol, etwas tief in uns Menschen Eingeschriebenes, das uns bis an unsere Wurzel trifft. Der evangelische Theologe Traugott Koch schreibt dazu: „Anlässlich der Geburt eines Kindes kann es geschehen, dass sich einer an sein eigenes Geborensein erinnert. Vielleicht wird ihm bewusst, dass auch er, wie dieses Kind, sein Leben nur hat, weil andere Menschen, seine Eltern, Angst um ihn ausgestanden haben, ihn akzeptierten und also wollten, dass er ins Leben kam. So wird ihm die ganze Unverfügbarkeit seines Lebens und ebenso jedes Menschenlebens vielleicht zum ersten Male bewusst. Keiner hat sein Leben aus eigenem Willen; keiner hat es sich selbst ausgesucht; und keiner hat es für den Anderen ‚ausgemacht‘. Das Leben ist nicht aus mir – vielmehr ist es mir gegeben, mir anvertraut und übereignet.“

Das kleine Kind von Bethlehem ist etwas Besonderes, ist einzigartig! Denn es und sein Leben sind ihm gegeben, anvertraut und übereignet nicht für sich selbst, sondern für uns! Dieses Kind ist in die Welt gekommen – „um zu richten, damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden“ (Joh 9,39); „damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt“ (Joh 13,1); „dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“ (Joh 18,37). Kurz zusammengefasst hat es der erste Timotheusbrief: „Das Wort ist glaubwürdig und wert, dass man es beherzigt: Christus Jesus ist in die Welt gekommen, um die Sündern zu retten.“ (1 Tim 1,15)
Noch kürzer sagt es in der Weihnacht der Engel des Herrn den Hirten: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er
ist der Christus, der Herr“ (Lk 2,11).

– Lasst uns das heute wieder miteinander feiern: dass uns der Retter geboren ist! Ganz einfach, oder?

DK Dr. Anton Spreitzer, Domkapitular, Leiter Hauptabteilung Bildung und Evangelisierung im Bistum Passau


23.12.2020 · Brigitta Neckermann-Lipp
Worauf ich mich verlassen kann
Mittwoch vor Weihnachten – Lk 1, 57-66

Wie sind Sie zu Ihrem Vornamen gekommen? Vielleicht wissen Sie etwas darüber, was Ihre Eltern bewegt hat, Ihnen diesen Namen zu geben? – Weil es der Name von Vater oder Mutter ist, weil der Namen eine bestimmte Bedeutung hat …?
Den Namen eines Kindes aus der Familientradition zu wählen war und ist auch bei uns üblich. Bei den Israeliten war es ebenso. Dass das Kind, wie sein Vater „Zacharias“ heißen wird, ist für die Verwandten selbstverständlich, dass es den Namen eines anderen Verwandten bekommt, gerade noch denkbar.
Elisabet widerspricht dieser Selbstverständlichkeit. Da sind sich Elisabet und Zacharias einig: das Kind heißt Johannes. Johannes bedeutet „Gott ist gnädig“.
Elisabet und Zacharias haben einen tieferen Grund gefunden als die Selbstverständlichkeit der Tradition. „Gott ist gnädig“ – da sind sie sich sicher.

Traditionen und Gewohnheiten tragen und halten, geben Sicherheit und Vertrautheit. Die Weihnachtstage sind davon besonders geprägt: ein bestimmtes Essen am Heiligen Abend, der Besuch bei Onkel Franz am 1. Weihnachtstag und dass der Opa bei „Oh du fröhliche“ (absichtlich) einen falschen Text singt … - Manches werden wir heuer schmerzlich vermissen. Und manchmal ist es die Veränderung, in der sich neue Perspektiven auftun, mehr Lebendigkeit ermöglichen und die Sicherheit auf einen tieferliegenden Grund bauen.

Dass das Haus der Begegnung zwischen Burg und Fluss liegt, ist uns ein Bild für dieses Leben zwischen Sicherheit und Veränderung – mal im Spannungsfeld, mal in der Balance. Zur Zeit steht uns der Sinn wohl oft mehr nach Sicherheit – Unsicherheiten und Veränderungen gibt es von selbst genug.

Vielleicht gibt es in diesen Tagen Gelegenheiten, immer wieder mal durch zu stoßen auf den/ auf MEINEN tieferliegenden tragenden Grund – z.B. „Gott ist gnädig“ –worauf ich mich verlassen kann!


Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung


22.12.2020 · Josef Fischer
Magnifikat - mit mir?
Dienstag vor Weihnachten - Lk 1,46-56

Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.

- 1. Wie muss ihr der lebendige Gott begegnet, wie muss er ihr widerfahren sein, dass sie so groß von ihrer Seele (von ihrem Leben) sprechen kann? Er hat sie nicht vernichtet, vielmehr in ihr den Lobpreis ihres Lebens hervorgerufen. Der lässt sie zum einen ganz bei sich sein wie wohl noch nie, so dass sie von ihrem Leben schlechthin spricht. Der lässt sie zum andern ganz weggehen von sich auf den Herrn hin, ohne sich dabei auch nur im mindesten zu verlieren. Im Gegenteil. Im Lob Gottes kommt ihr Leben vollends zu sich.
:Wie hört es sich an, wenn MEINE Seele, wenn MEIN Leben spricht?

- 2. Maria nennt Gott ihren Retter.
: Gott, der MICH rettet? Christ, der Retter ist da nicht nur in der Stillen, in der Heiligen Nacht, sondern auch an den wirklich dunklen und finsteren Tagen und Nächten meines Lebens.

- 3. Gott hat auf die die Niedrigkeit seiner Magd geschaut: Als ich ganz unten war, am Ende und restlos erledigt, stumm und unfähig, zu beten, da hat er MEINE Niedrigkeit angeschaut.
: Darauf kommt’s an, dass jemand nach mir schaut, wenn ich unten bin.

- 4. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
Jeden Abend singt es in der Kirche das Magnificat, unabhängig von der Tagesform. MIT MIR?

Josef Fischer, Domkapitular em.


21.12.2020 · Dr. Annette Langner-Pitschmann
Guter Beistand
Montag vor Weihnachten - Lk 1, 39-45

Mindestens zehn Mal am Tag, so verrät es eine Internetseite zu Fragen der Schwangerschaft, bewegt sich ein Baby im Bauch seiner Mutter. Weil Lukas so ein begabter Schriftsteller ist, schreibt er nicht: „Es ereignen sich Kindsbewegungen“, sondern: „Das Kind hüpfte in ihrem Leib.“ Aber genau genommen ist es nicht allzu spektakulär, was Elisabet wahrnimmt in dem Moment, in dem Maria sie von der Tür her grüßt.
Dennoch versteht sie diese unauffällige kleine Bewegung als Zeichen dafür, dass die Mutter des Erlösers vor ihr steht. Es gäbe viele andere – durchaus naheliegendere – Erklärungen für das, was sie spürt. (Es könnte zum Beispiel einfach ein Schluckauf sein.) Aber Elisabet zweifelt keinen Moment an ihrer Lesart dieses Augenblicks. Eindeutig: es ist der Herr, der da unterwegs ist.
In diesen Wochen und Monaten wünsche ich mir oft, ich könnte die unauffälligen Bewegungen dieses Lebens unmissverständlich deuten. Stattdessen kommt mir die Wirklichkeit in vielerlei Hinsicht unleserlich vor. Ich sehe Daten und Zahlen und Kurven; ich lerne von Experten, was akut am besten zu tun ist. Aber was all das tatsächlich bedeutet – was es mir und uns sagen will – das bleibt mir schleierhaft.
Woher nimmt Elisabeth diese Souveränität, mit der sie deutet, was sich doch gar nicht so eindeutig zeigt? Der Text sagt uns: Elisabeth nimmt sie sich nicht. Die Souveränität wird ihr gegeben. „Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt“ – und mit ihm von der traumwandlerischen Sicherheit, die kleinen Bewegungen des Lebens richtig zu deuten.

Auch er ist also ein Teil des Weihnachtsglaubens: Der Beistand des Geistes, in dem die nichtssagenden Dinge zu sprechen beginnen und sich inmitten der Unsicherheit Momente der Gewissheit einstellen.


Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


20.12.2020 · Hedwig Beier
Unerwartetes bricht ins Leben ein
4. Adventssonntag - Lk 1,26-38

Ein Engel tritt bei Maria ein – ein unerwartetes Ereignis,
eine unerwartete Begegnung,
eine unerwartete Ansage,
ein unerwarteter Auftrag ist zu erkennen und sich dazu einzustellen.
Maria frägt zurück, hinterfragt und stimmt schließlich zu.
Denn es wird ihr zugesagt
die Nähe und das Mitgehen des Herrn, bei dem sie Ansehen hat,
es wird ihr zugesagt
dass ihr Leben fruchtbar sein wird,
dass sie sich nicht ängstigen braucht,
dass für Gott nichts unmöglich ist,
dass der Geist Gottes sie führen wird.
Diese Ankündigung lässt sie zusagen: Mir geschehe Dein Wille
– so beten wir heute im Vater unser.

Wie würde ich heutiger Mensch das Einwirken Gottes oder anders formuliert den „Einbruch Gottes“ in mein Leben zum Ausdruck bringen?
Wie hat er sich bemerkbar gemacht?
Konnte ich mich Ihm in meiner Veränderungs-Angst anvertrauen?
Hat er mich durch Unsicherheiten hindurchgeführt?
„Unmögliches kannst Du, Gott, möglich machen – Dein Wille geschehe!“
– Wie geht es mir mit dieser Glaubens-Haltung?

Hedwig Beier, Geistliche Begleiterin


19.12.2020 · Dr. Heike Hötzinger
Boten Gottes
Samstag der 3. Adventswoche – Lk 1,5-25

Stellen Sie sich vor, Ihnen würde ein Engel begegnen: Wie würde dieser aussehen? Wie würden Sie reagieren?

Das heutige Evangelium erzählt uns von einer solchen Engelerscheinung. Dabei wird zunächst eine recht gewöhnliche Situation des frommen Priesters Zacharias geschildert, der im Rahmen seines Tempeldienstes das Rauchopfer darbringt. Ungewöhnlich ist nur, dass auch Elisabeth, die Frau des Zacharias, vorgestellt wird und dabei neben ihrer Frömmigkeit ihre Unfruchtbarkeit erwähnt wird. In dieser Normalität des Priesters Zacharias ereignet sich plötzlich die Erscheinung eines Engels des Herrn, d.h. eines Engels Gottes.
Wie reagiert Zacharias darauf? Obwohl der Engel die ermutigenden Worte „Fürchte dich nicht!“ spricht und für Zacharias und Elisabeth die Geburt eines ganz besonderen Sohnes ankündigt, also eine frohe Botschaft bringt, ist Zacharias skeptisch und fragt nach beweisenden Zeichen: „Woran soll ich das erkennen? (V 18). Daraufhin erhält Zacharias tatsächlich ein Zeichen, allerdings ein Strafzeichen: Stummheit.

Elisabeth dagegen reagiert ganz anders auf das wunderbare Ereignis, dass sie trotz ihrer vermeintlichen Unfruchtbarkeit schwanger wird: Sie glaubt – ohne Beweise – an ein Handeln Gottes an ihr und deutet ihre Schwangerschaft als eine gnädige Zuwendung Gottes: „(der Herr) hat in diesen Tagen gnädig auf mich geschaut und mich von der Schmach befreit, mit
der ich unter den Menschen war.“ (V 25)

Das Evangelium erzählt also davon, dass das wunderbare Handeln Gottes, gerade im gewöhnlichen Alltag und in unerwarteter Weise mithilfe von Boten Gottes präsent wird. Hatte ich schon einmal das Gefühl, einem Engel Gottes begegnet zu sein? Kann ich auch ohne Beweise glauben und vertrauen, dass Gott gnädig auf mich schaut? – Dann kann auch für mich der Satz gelten: „Fürchte dich nicht!“

Dr. Heike Hötzinger, Dr. theol., Familienfrau


18.12.2020 · DK Dr. Anton Spreitzer
(M)ein Platz im Plan Gottes
Freitag der 3. Adventswoche – Mt 1,18-24

Hoppla! Nein, wir haben uns nicht im Türchen des Adventskalenders verirrt. Heute beginnt das Tagesevangelium tatsächlich mit den Worten „Mit der Geburt Jesu Christi war es so …“ (Mt 1,18). Aber es folgt nicht die Szene vom Stall in Bethlehem, sondern die Geschichte von Josef, dem Mann Marias. Josef ist einer der beliebtesten Heiligen, dessen Figuren und Bilder in vielen Kirchen zu finden sind, und der im Leben vieler Gläubigen eine wichtige Rolle gespielt hat und spielt. Wir wissen fast nichts über ihn. Aber in den Erzählungen über ihn werden zentrale Themen des geistlichen Lebens berührt. Er war mit Maria, der Mutter Jesu verlobt, und auf dieser Verbindung lag der Segen Gottes. Und dann stellt er plötzlich fest, dass seine Verlobte schwanger ist. Das muss ihn ziemlich aus der Bahn geworfen haben und war vielleicht sogar eine Art geistliche Krise: Was will Gott von ihm? Was soll er tun? Dann erscheint ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagt ihm: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen.“ Ihm wird in diesem Augenblick klar, dass diese verwirrenden Ereignisse Teil eines größeren Plans Gottes sind. Was ihm
von seinem Blickwinkel aus wie eine Katastrophe erscheint, ist aus dem Blickwinkel Gottes betrachtet von großer Bedeutung.

Josef war bereit, seinen Part im Plan Gottes anzunehmen und sich nicht zu verweigern. Er hat sich diese Rolle nicht ausgesucht; er erkennt vielmehr, was Gott von ihm erwartet, auch wenn er nicht weiß, wohin das alles führen soll. Wie seine Verlobte bei der Verkündigung durch den Erzengel Gabriel fügt sich Josef in Gottes Plan; er nimmt seine Aufgabe darin an. So wird er zum bedeutsamen Mitarbeiter, zum „cooperator“ Gottes. –

Vielleicht mögen wir den hl. Josef deshalb so gerne, weil wir ihn so gut verstehen können; und weil er uns sagt, dass auch wir Teil eines Größeren sind, und dass jeder von uns seine Bedeutung in dem hat, was Gott mit der Welt vorhat. Finden wir es heraus!

DK Dr. Anton Spreitzer, Domkapitular, Leiter Hauptabteilung Bildung und Evangelisierung im Bistum Passau


17.12.2020 · Brigitta Neckermann-Lipp
Gottes Heil auf krummen Wegen
Donnerstag der 3. Adventswoche - Mt 1, 1-17

„Wem g´hörst denn du?“ wurde man als Kind manchmal gefragt. Gemeint ist: Wer sind deine Eltern? Von welchem Ort, welchem Hof kommst du? Zu welcher Familie gehörst du? Wir alle haben Vater und Mutter, Großeltern und Urgroßeltern usw. Wir alle kommen aus einer Familie und aus einem „Stamm“, von da stammen wir ab. Das kann uns stolz machen oder auch nicht, das kann uns freuen oder auch nicht, und oft ist wahrscheinlich beides dabei. Manche tragen schwer an der Geschichte ihrer Vorfahren, manche sind glücklich in einer tragfähigen Großfamilie einen Platz zu haben.

Das Matthäus-Evangelium beginnt mit dem Stammbaum Jesu. Zweimal hören wir ihn in dieser Zeit: heute und am 1.Weihnachtstag. Jesus kommt aus einer Familie, von einem Stamm, hat eine Verwandtschaft, eine Geschichte. Er ist ganz eingebunden in das menschliche Leben. In seinem Stammbaum finden sich „Helden“ und „Versager“. Und der Stammbaum Jesu weist auch 4 Frauen auf. Das ist ungewöhnlich für diese Zeit, die Verwandtschaft wurde durch die Väter bestimmt. – Und es sind ungewöhnliche Frauen mit ungewöhnlichen, ganz und gar nicht geradlinigen aber kraftvollen Geschichten.

Wer das Vertrauen stärken will, dass auch scheinbar verquere Geschichten zum Guten führen können und dass Gott immer einen Weg findet, kann die eine oder andere Erzählung mal lesen: Tamar: Gen 38, Rahab: Jos 2 und Jos 6, Rut ist ein eigenes biblisches Buch und „die Frau des Urija“ - Batseba: 2 Sam 11 und 1 Kön 1, 11-31 (Und wer in diesen alttestamentlichen Stellen über etwas stolpert oder darüber ins Gespräch kommen möchte, darf sich gerne bei mir melden).
„Gott schreibt auch auf krummen Zeilen gerade“ – mitten in den krummen Zeilen der Geschichte und der Herkunft wirkt Gott sein Heil.

Wenn mir heute in den Sinn kommt, woher ich komme und zu wem ich gehöre, sage ich „Danke“ und bitte um Gottes Erbarmen – je nachdem was es braucht.



Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung


16.12.2020 · Josef Fischer
Wer bist du?
Mittwoch der 3. Adventswoche - Lk 7,18b-23

Manchmal bringen einen die Ereignisse durcheinander und man fragt sich: In welcher Zeit leben wir? Was läuft im Moment? - Aber auch das gibt es: Dass man sich mit einem gut bekannten Menschen auf einmal nicht mehr auskennt. Am liebsten würde man ihn fragen: >Wer bist du jetzt eigentlich, wirklich, tatsächlich? Ich bin irritiert<. Die Frage kann sich zuspitzen und steigern zu einem einzigen: >Wer bist du? Sag‘ schon!< Von größtem Ernst ist die Frage, weil das eigene Leben von der Antwort darauf betroffen ist, und im Raum steht die Furcht vor der Enttäuschung. - Johannes dem Täufer geht es mit Jesus nicht viel anders. Er kommt mit Jesus nicht mehr klar, nicht mehr zurecht. Er schickt zu ihm und lässt fragen: >Bist du der, der kommen soll, oder
müssen wir auf einen andern warten?< Johannes fragt und es geht ihm dabei um alles: Bist du der Kommende? Der, dem die Zukunft gehört? Auf den ich entsprechend alles gesetzt habe? Dem ich vertraue? Du, der Inhalt meines Lebens? – Jesus gibt keine direkte Antwort. Er schildert, er erzählt, er >gibt zum Besten<, was er selber erlebt und was mit ihm in Zusammenhang steht: >Geht und berichtet dem Johannes, was ihr gesehen und gehört habt: Blinde sehen wieder, Lahme gehen und Aussätzige werden rein,
Taube hören, Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt<. Jesus legt Wert auf das Zeugnis der Abgesandten und überlässt das Urteil dem Johannes. So frei ist der angefragte Jesus. >Und fügt hinzu: >Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt<. –

Und ich? Wär‘ mir auch manchmal danach, an Jesus und seiner Botschaft Anstoß zu nehmen? Und: Was für eine Antwort würde mir Jesus auf eine eventuelle Anfrage meinerseits hin geben? Und: Wenn ich gefragt werde, wer ich bin?

Josef Fischer, Domkapitular em.


15.12.2020 · Dr. Annette Langner-Pitschmann
Echte Begegnung
Dienstag der 3. Adventswoche - Mt 21, 28-32

Es gibt Begegnungen, die man schnell wieder vergisst, und es gibt Begegnungen, die einem noch eine Weile zu denken geben. Das Gleichnis im heutigen Evangelium erzählt vom Unterschied zwischen beiden. Das Gespräch des Vaters mit dem zweiten Sohn zeitigt keine anhaltende Wirkung. Zwar stimmt der Sohn der Bitte des Vaters zu, aber seine mündliche Zusage zur Unterstützung im Weinberg bleibt folgenlos. Ich stelle mir diese Begegnung vor wie die diese unverbindlichen Tür-und-Angel-Gespräche, mit diesen Zusagen, die für den Moment sogar ernst gemeint, im nächsten Augenblick aber schon wieder durch andere Prioritäten verdrängt sind.

Der kurze Dialog zwischen dem Vater und dem ersten Sohn dagegen ist vom ersten Moment an eine aufrichtige Begegnung. Der Angesprochene antwortet ohne Rücksicht auf soziale Erwünschtheiten. „Ich will nicht“ – damit macht man sich in der Regel nicht unbedingt beliebt. Wir erfahren nichts über die Reaktion des Vaters, aber wir können uns das ganze Spektrum zwischen Verärgerung und Enttäuschung vorstellen.

Tatsächlich aber ist es diese durch Widerspruch und nicht eingelöste Erwartung gekennzeichnete Situation, aus der schlussendlich eine Bewegung zum Handeln erwächst. Allein die Spannung der echten Auseinandersetzung kann schließlich einen Prozess des Nachdenkens, der Selbst-Infragestellung und des Sinneswandels anstoßen.

Echte Begegnungen, die einem zu denken geben, sind ein hohes Gut. Folgen wir dem heutigen Text, ereignet sich in ihnen etwas vom Reich Gottes.


Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


14.12.2020 · Hedwig Beier
Entscheidung ist gefragt!
Montag der 3. Adventswoche - Lk 14,25-33

Jesus wendet sich heute an die vielen, die ihn begleiten. Und spricht sie auf die Beweggründe ihres Hinterher-Gehens an. Nur schnelle Begeisterung ist ihm zu wenig. Nur aus Neugierde mitgehen oder weil es die Bekannten auch tun, reicht nicht aus. Er mahnt Ernsthaftigkeit und Einsatz und Entscheidung an. Das klingt hart in unseren Ohren, so wollen wir Jesus eigentlich nicht sehen! Diesen Jesus, den wir uns viel lieber friedvoll, hilfreich, gütig und freundlich vorstellen, stellt heute einen sehr hohen Anspruch an seine ihm Nachfolgenden, an uns. Ungewohnt, fast dramatisch tritt er uns entgegen. Denn: Geringachten und Hassen ist Verachtung und Abgrenzung. Hinter ihm hergehen, seinen Weg bedingungslos und radikal gehen – kann Sich-Abgrenzen von lieben Menschen bedeuten, kann bedeuten, Erwartungen und Hoffnungen enttäuschen, kann zu einen Bruch mit nahen Menschen führen und kann die Hingabe des Lebens bedeuten.

Der Turmbauer und der Kriegsherr rechnet zunächst alles durch, ob es zum Gewinnen, zum Siegen reicht, ob er durchhalten kann, ob es gut ausgehen kann. Sollen wir dieses heutige Evangelium als Aufruf verstehen, uns zu prüfen, ob unsere innere Einstellung und unser Tun ausreicht, um den Weg Jeus zu gehen, komme was wolle? Ob unsere Gottes-Beziehung so stark ist, dass wir das durchhalten, was uns auf unserem Lebensweg entgegen kommt? Und Er dennoch den obersten und innersten Platz in uns hat?

Unser früherer Ortpfarrer Heinrich Haug rief uns immer wieder auf:
„Lasst Jesus ans Steuer Eures Lebens, platziert ihn nicht nur auf den Neben- oder Rücksitz!“

Hedwig Beier, Geistliche Begleiterin


13.12.2020 · Dr. Heike Hötzinger
Zeugnis für das Licht
3. Adventssonntag – Joh 1,6-8.19-28

In einem „Zeugnis“ sind in der Regel Name, Adresse, Geburtsdatum und Tätigkeiten sowie deren Bewertungen vermerkt. Wenn Johannes nun Zeugnis vor den Abgesandten Juden aus Jerusalem ablegen soll, ist das ähnlich und doch ganz besonders. Die erste Frage der Jerusalemer Juden lautet: „Wer bist du?“ Sie fragen Johannes, den von Gott gesandten Menschen, der Zeuge für das Licht sein soll (V 6-8), also nach seiner Identität. Wie stellt sich nun Johannes vor? Zunächst nur in negativer Weis: Ich bin nicht Christus, Elija oder der Prophet. Seine Identität definiert er also erst einmal in Abgrenzung von diesen Gestalten. Zugleich wird damit aber auch eine Beziehung zu diesen deutlich, zumal Johannes als einzige positive Antwort gibt: „Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste“. Damit greift er nämlich Worte des Propheten Jesaja auf und wirkt ebenfalls wie eine prophetische Gestalt. Dies wird durch den Inhalt seiner Stimme „Ebnet den Weg für den Herrn!“ unterstrichen, die ihn zugleich in Beziehung zu Christus setzt, denn er dient damit als
Wegbereiter für diesen.

Die zweite Frage der Juden aus Jerusalem bezieht sich auf die Tätigkeit des Johannes und auf deren Bewertung: „Warum taufst du?“ Auf diese Warum-Frage antwortet Johannes nur mit einer Wie-Antwort: Er tauft mit Wasser, vollzieht also (lediglich) ein Reinigungsbad und dient damit als Wegbereiter für den Herrn. Außerdem verweist Johannes in seiner Antwort auf einen anderen, der anscheinend höher zu beurteilen ist als er selbst, denn er sieht sich nicht einmal würdig, ihm den niedrigen Dienst zu tun, die Riemen der Sandalen zu lösen (V 27). Johannes stellt seine Identität also wieder in Bezug zu diesem anderen, Jesus. Zugleich verweist er darauf, dass dieser andere mitten unter den Fragenden steht, sie also einen unmittelbaren Bezug zu ihm haben, sie ihn aber nicht kennen. Johannes legt also nicht nur Zeugnis über sich selbst ab, sondern zugleich über Jesus, den Herrn, über seine Beziehung zu diesem sowie über die Jerusalemer Juden und deren Beziehung zu Jesus.

Wie würde mein „Zeugnis“ aussehen? Wie würde ich darin meine Identität und mein Handeln darstellen? Wen oder was empfinde ich als „Zeugnis für das Licht“?

Dr. Heike Hötzinger, Dr. theol., Familienfrau


12.12.2020 · Ludwig Raischl
Zeit für das Gespräch mit Jesus
Samstag der 2. Adventswoche - Mt 17, 9a.10-13

Was hat denn bitte diese Evangeliumsstelle mit dem Advent bzw. mit dem Weg auf Weihachten zu tun? Über das Erfahrene sollen die Jünger schweigen. Es wird gestritten, ob Elja jetzt schon da war oder erst kommen müsse. Am Ende wird auch noch von Johannes dem Täufer gesprochen.
Damit ein Weg zum Verstehen möglich wird, also noch einmal zurück zum Anfang der Stelle. Die 3 Jünger steigen mit Jesus vom Berg, dem Berg Tabor, dem Berg der Verklärung herunter. Die Verklärung ist gleichsam eine Gebetserfahrung. Jesus leuchtet von innen, dem Betenden geht dabei ein Licht auf, Mose und Elja kommen dazu, sie stehen für Gesetz und Propheten. In Jesus erfüllen sich die Hoffnungen des Gottesvolkes. Die Herrlichkeit Gottes strahlt in Jesus auf. Gern möchte Petrus dies festhalten und spricht vom Hüttenbau. Doch diese Erfahrung ist nicht in Stein zu meißeln. Sie bleibt im Herzen gegenwärtig und hält die prophetische Sehnsucht nach einer erlösten Welt wach. In Jesus selbst findet die unbehauste menschliche Seele ein Dach. Im Bild gesprochen: in der Menschwerdung hat Gott ein Haus errichtet, in der wir mit unseren Fragen, Sorgen und Nöten einen Unterschlupf finden. In der Begegnung mit dem fleischgewordenen Wort findet diese Sehnsucht eine Antwort. Johannes der Täufer, in der prophetischen Tradition des Elja stehend, kündet die Wirklichkeit des kommenden Gottesreiches in Jesus an.

Für Heute steht die Einladung, sich Zeit für das Gebet, das Gespräch mit Jesus, zu nehmen. Es wird eine geschenkte Zeit sein, in der Raum für die Sehnsucht einer erlösten Welt ist und mir ein Licht für den eigenen Weg aufgeht.

Ludwig Raischl, Direktor im Haus der Begegnung


11.12.2020 · Brigitta Neckermann-Lipp
Tanzen nach der Melodie Gottes
Freitag der 2. Adventswoche - Mt 11, 16-19

„Wia s das machst, machst as falsch“ – könnte sich Jesus manchmal gedacht haben. „Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht, und sie sagen: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagen sie: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder!“ - Man kann es den Menschen nicht recht machen. Sie suchen einen Beweis dafür, dass Jesus von Gott kommt. aber einen Beweis gibt es nicht. Es gibt nicht einmal einen Beweis für Gottes Existenz. Im Studium hatte ich ein Seminar über Gottesbeweise belegt, in der Hoffnung schlagkräftige Argumente zu finden. – Ich wurde enttäuscht. Es gibt keinen logischen Gottesbeweis, der nicht ebenso logisch widerlegt werden könnte. Inzwischen tröstet mich das. Ich brauche nicht so sehr meinen begrenzten Verstand sondern mehr noch ein bereitwilliges Herz.

Gelegentlich ist ein behinderter Junge bei uns, meine Tochter passt auf ihn auf. Vergangenen Samstag habe ich ihm das „Katzentatzentanzlied“ vorgesungen. „Tanzen“ hat er gerufen, mich bei der Hand gepackt und ist mit mir durchs Wohnzimmer gehüpft. Und immer wenn er mich an dem Nachmittag gesehen hat, hat er mich an der Hand genommen, „tanzen“ gerufen und ist mit mir im Kreis gehüpft. Unbekümmert darüber, ob ich gerade was zu tun oder die Hände voller Teig hatte oder mit den Gedanken ganz woanders war. Zu dieser Unbekümmertheit hilft ihm sicher auch, dass er sich, bei allen Schwierigkeiten die er und seine Familie auch haben, geliebt und geborgen fühlen darf.

Vielleicht ist es in all den Schwierigkeiten die wir erleben hilfreich, immer wieder unser Herz zu öffnen für die Melodie Gottes, die Melodie der Liebe und des Lebens. Und nicht nur streng voran zu schreiten, sondern uns von ihm zum Tanzen verlocken zu lassen.

Heute höre ich Gottes Melodie durch die Ereignisse des Alltags hindurch. Vielleicht lasse ich mich auch (von ihm) zum Tanzen verlocken?!


Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung


10.12.2020 · Josef Fischer
Vom Kleinsein und Großsein
Donnerstag der 2. Adventswoche - Mt 11, 7b.11-15

Jesus spricht von Johannes dem Täufer und sagt: >Unter allen Menschen hat es keinen größeren gegeben<. Und im selben Atemzug setzt er hinzu: >Doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er<. – Wer ist schon gern der Kleinste! Es hast freilich Vorteile. Einmal sagte ein Kleiner zum Großen: Magst mir nicht den Hut von der Ablage herunterreichen? Gönnerhaft sagte der so Angefragte: Freilich, gern. Aber ein andermal fragte ein Großer den Kleinen: Magst mir nicht die Schuhe binden? Du kannst mich gernhaben, sagte der verständlicherweise. Das ist nun eine sehr ernste spaßige Geschichte. Aber Hand aufs Herz: Wer möchte schon klein sein! –

Nun geht es hier um den Kleinsten im Himmelreich, der größer sein soll als der größte unter den Menschen. Das hat nun nichts mit schlauer List und gemeiner Hinterfotzigkeit zu tun, und auch nichts damit, dass man sich ein X für ein U vormacht oder dass man sich überhaupt etwas vormacht. Im Gegenteil. Dass man sich nichts mehr vormacht. Dass man seine wahren Verhältnisse kennt, um sein wirkliches Maß weiß, Größe und Grenze richtig einzuschätzen versteht, dass man an seine einmalige Berufung in diesem Leben glaubt und
ebenso an die der anderen. Da könnte man ja sagen, wer so lebt, der ist ja fast schon im Himmel. Was kann denn den schon noch auseinanderbringen. Halt! Jederzeit kann jemand aus der Bahn geworfen werden. Aber dass es dann nicht gleich >aus< ist, das zu glauben, ist schon noch eine Idee dem Himmelreich näher.

Manchmal komme ich mir klein vor. Was sag ich dazu? Wo ich doch an eine himmlische Perspektive glaube! An die Perspektive Jesu!

Josef Fischer, Domkapitular em.


09.12.2020 · Dr. Annette Langner-Pitschmann
Ruhe für die Seele
Mittwoch der 2. Adventswoche - Mt 11,28-30

Es gibt Sätze in der Bibel, die nicht nur dann etwas in einem auslösen, wenn man ohnehin gerade eine fromme Phase durchlebt, sondern auch dann, wenn man gerade zweifelt. Die Verheißung „Ihr werde Ruhe finden für Eure Seele“ ist womöglich solch ein Satz. „Ruhe für die Seele“: Ein Gedanke der in seiner Anziehungskraft für sich steht. Ein Angebot, das auf große innere Nachfrage stößt – vielleicht deshalb, weil echte Seelenruhe tatsächlich Mangelware ist.

Mir gefällt die Vorstellung, dass das offenbar auch vor 2000 Jahren schon so war. Für mich legt das nahe: Bei der Ruhe, die in diesem Text verheißen wird, geht es nicht um eine Auszeit vor den typischen Beiterscheinungen (Mobilität, Medien, Vorweihnachtszeit), die wir gängigerweise als Quelle unserer Unruhe ausmachen. Stattdessen geht es um einen Trost angesichts der zeitlosen Erfahrungen, die wir Menschen einfach deshalb machen, weil wir Menschen sind. Die versäumte Gelegenheit und die misslungene Begegnung; der unversöhnliche Konflikt und die Tatsache, dass selbst die mir nahen Menschen für mich im Letzten ein Rätsel bleiben. Die Unruhe, die aus diesen Erfahrungen erwächst, hat mit Hektik nichts zu tun.
Manchmal belastet sie uns im Gegenteil genau deshalb, weil sie uns so gleichbleibend und ausdauernd begleitet.

„Ihr werdet Ruhe finden für Eure Seele“: Hier geht es nicht um vorübergehende Entspannung und Regeneration. Hier geht es um nicht weniger als das Heil Gottes – und damit um die Einladung zu dem großen Glauben, dass nicht die Unruhe das letzte Wort hat, sondern die Ruhe dessen, für den nichts unmöglich ist.

Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


08.12.2020 · DK Dr. Anton Spreitzer
Menschenwürde - GottesKindWürde
Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria – Lk 1,26-38

Ein großes Hochfest der Gottesmutter ehrt heute ihre „immaculata conceptio“, ihre „unbefleckte Empfängnis“. Neun Monate sind es von heute an bis zum Fest ihrer Geburt. Häufig meint man, „unbefleckte Empfängnis“ bezöge sich darauf, dass sie Jesus durch das Wirken des Heiligen Geistes empfängt. Das heutige Evangelium legt das nahe, wo eben davon berichtet wird, wie der Erzengel Gabriel zur Jungfrau Maria nach Nazareth kommt, sich mit ihr unterhält und ihr ihre Lebensberufung verkündet, worauf Maria ihr „Fiat“, „Dein Wille geschehe“ spricht (vgl. Lk 1,26-38). Und doch feiert die Kirche – im Osten schon seit dem 8., im Westen seit dem 9. Jahrhundert – dieses Fest als Ausdruck ihres Glaubens, den Papst Pius IX. 1854 als Dogma feierlich verkündet hat.

Dass Maria ohne Erbsünde empfangen wurde, gehört für viele Christinnen und Christen heute nicht mehr zu den „favorites“ ihrer Glaubensidentität: zu entlegen, zu verstiegen, zu altbacken … kommt dieses Festgeheimnis daher; und zu weit weg von unserer Alltagserfahrung und unserem „gesunden Normalverstand“. Dabei hat es eine so bleibend aktuelle Bedeutung, wird uns in Maria doch „der Mensch“ in seiner Würde und die Herrlichkeit der Liebe, die Gott dem Menschen erweist, vor Augen gestellt! Der Liturgiewissenschaftler Theodor Schnitzler schreibt dazu: „Während derzeit die einfachsten Menschenrechte bestritten werden, wird in Maria dem Menschen hohe Herrlichkeit geschenkt. Die heiligmachende Gnade für die Mutter des Herrn, außerordentlich in Maß und Zeitpunkt, soll die Feiernden an die heiligmachende Gnade in der Taufe erinnern, die wir alle bekommen. Maria erhielt sie durch ewigen Ratschluss im ersten Moment ihres Daseins. Für jeden von uns ist die heiligmachende Gnade der Gotteskindschafthöchste Menschenwürde. Die Erstbegnadete und Meistbegnadete sagt uns: ‚Mensch, erkenne deine Würde!‘“

Das heutige Hochfest lässt mich fragen: Bin ich mir meiner Würde als Kind Gottes bewusst? Lebe ich daraus? Lebe ich entsprechend?

DK Dr. Anton Spreitzer, Domkapitular, Leiter Hauptabteilung Bildung und Evangelisierung im Bistum Passau


07.12.2020 · Dr. Heike Hötzinger
Wegweiser
Montag der 2. Adventswoche – Lk 5,17-26

Die Corona-Ampel steht seit einigen Wochen auf dunkelrot, die Fallzahlen liegen permanent auf sehr hohem Niveau … In den Medien häufen sich Berichte über mit dieser Krankheit ringende Menschen, volle Intensivbetten, überlastetes Pflegepersonal … meine Tochter erzählt nach der Schule, dass plötzlich alle Hortkinder aus dem Unterricht geholt wurden und nun in Quarantäne sind – betroffen sind einige befreundete Kinder und deren Familien …

In diesem Jahr ist die Möglichkeit, dass Menschen, jeder von uns, krank werden könnte, so präsent wie selten. – Beklemmung macht sich breit, Lähmung angesichts der vielen, so bewussten Unsicherheiten, zugleich wächst Sehnsucht nach Orientierung, Sicherheit, (Bewegungs-)Freiheit … Wie kann diese Sehnsucht ein Stück weit gestillt werden?

„Und es geschah eines Tages, als Jesus lehrte … und die Kraft des Herrn war mit ihm, sodass er heilen konnte.“ – Vielleicht kann Jesus uns in der heilenden Kraft des Herrn mit seiner „Lehre“ über die Königsherrschaft Gottes Wegweiser und Hoffnungsträger in dieser Unsicherheit sein. So klingt im heutigen Evangelium auch an, wie diese „Lehre“ in die Tat umgesetzt werden
kann:
- Zusammenhalten, einander tragen: „Und siehe, Männer brachten auf seinem Bett einen Menschen, der gelähmt war.“ – Diese Männer halten zusammen, tragen diesen Gelähmten in der Hoffnung und im Glauben, Jesus könne ihn heilen.
- Gemeinsam Hindernisse überwinden: „Weil es ihnen aber wegen der Volksmenge nicht möglich war, ihn hineinzubringen, stiegen sie aufs Dach und ließen ihn durch die Ziegel auf dem Bett hinunter in die Mitte vor Jesus hin.“ – Diese Männer scheuen keine Mühen, dem Gelähmten zu helfen und ihn zu Jesus zu bringen.
- Glaube und Vertrauen befreien aus der Lähmung, setzen in Bewegung: „Als er ihren Glauben sah, sagte er: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben. (V 20) … Steh auf, nimm dein Bett und geh in dein Haus!“ (V 24)

Die wundervolle Heilung des Gelähmten führt anscheinend auch bei allen Anwesenden dazu, dass sie in Bewegung kommen, denn sie geraten „außer sich“, was im Griechischen mit dem Wort „Ekstase“ formuliert wird. Und „sie preisen Gott“, tun damit also ihren Glauben kund, der wiederum heilsam wirken kann – ein hoffnungsvoller Gedanke!

Was versetzt mich in einen Zustand der Lähmung? Wer trägt mich, wenn ich gelähmt bin, so dass ich wieder in Bewegung gesetzt werden kann?

Dr. Heike Hötzinger, Dr. theol., Familienfrau


06.12.2020 · Ludwig Raischl
Jesus vertrauen
2. Adventssonntag – Mk 1,1-8

Wer ist Jesus? Diese Frage steht hinter den Evangelien. Markus gibt gleich im ersten Satz die Antwort auf diese Frage.

Er beginnt sein Evangelium mit dem Wort Anfang. Das lässt ganz an den Anfang denken: am Anfang schuf Gott Himmel und Erde … (Gen 1,1). Die Geschichte von Jesus hat längst begonnen, bevor er als Mensch in unsere Welt kommt. Mit Jesus kann die Welt wieder so werden, wie sie von Anfang an gedacht ist: der Kosmos als gute Schöpfung Gottes und wir Menschen darin als Geschöpfe mit der unfassbaren Würde, die uns geschenkt ist.

Anfang des Evangeliums, der frohen Botschaft, der guten Nachricht, der Botschaft vom Heil. Die Pandemie, in der wir uns gerade befinden, zeigt deutlich, dass die Menschheit des Evangeliums, dieser guten Nachricht, bedarf. Es braucht Heilung über den Virus hinaus. Vielleicht wird das Evangelium in diesen Tagen des Advents vernehmbarer, weil der Not gehorchend der Alltagslärm leiser und die Geschwindigkeit langsamer wird.

Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Noch bevor Jesus ein Wort spricht oder etwas tut, macht der Evangelist klar: In Jesus zeigt sich uns der unbegreifliche Gott. In Jesus zeigt uns Gott sein menschliches Gesicht. In Jesus, dem Sohn, wird uns der Vater offenbar, der den Menschen liebt wie sein eigenes Kind und in dem der Mensch sein Vertrauen setzten darf.

Wer ist Jesus für mich? Unbestritten ist es mit der Schöpfung Gottes nicht gut bestellt und auch wir Menschen bedürfen der Heilung, das hat nicht erst der Coronavirus offengelegt. Eine Spur ist zum Heilwerden ist gelegt, wenn wir uns einüben in das Vertrauen auf Jesus Christus, dem Sohn Gottes.

Ludwig Raischl, Direktor im Haus der Begegnung


05.12.2020 · Brigitta Neckermann-Lipp
Nahe sein
Samstag der 1. Adventswoche – Mt 9, 35-10, 1.6-8

„Das Himmelreich ist nahe!“ – das muss einem gesagt werden! Immer und immer wieder. Dazu ruft Jesus seine Jünger im heutigen Evangelium auf: „Geht und verkündet: das Himmelreich ist nahe!“ Er sagt das Angesichts der müden und erschöpften Menschen, der Krankheiten und Leiden und „unreinen Geister“. Er sagt es, weil ihm diese „Verlorenheit“ der Menschen nahe geht – und zugleich ist ihm das Himmelreich nahe. Vielleicht ist das „Himmelreich“ dort besonders nahe, wo uns etwas nahe geht. Weil es etwas mit einem offenen und berührten Herzen zu tun hat, mit Mitgefühl und Mitleid und mit einem „Kreislauf“ von Empfangen und Geben. Da, wo mir etwas nahe geht, ist auch Gott nahe – im Dasein, im Mitgefühl und Mitleid, im Impuls zur Veränderung und in der Kraft der Liebe.

Manchmal, besonders in schwierigen Situationen, stelle ich mir vor, Jesus steht oder sitzt direkt neben mir. Das „Himmelreich“ und der, der es in sich trägt, ist mir nahe. Das gibt ein bisschen mehr Gelassenheit und Zuversicht. „Nahe“ ist nicht nur eine zeitliche, sondern auch eine räumliche Dimension. Das wird uns verkündet und das sollen wir verkünden – manchmal mit Worten, manchmal mit Taten, oft mit unserem Sein.

Was lass ich mir heute „nahe gehen“? Ich stelle mir vor, Jesus ist direkt neben mir, mir nahe.

Brigitta Neckermann-Lipp,


04.12.2020 · Josef Fischer
Zum Haus Jesu gehören
Freitag der 1. Adventswoche – Mt 9,27-31

”Haus” ist für uns immer ein Bezugspunkt. Entweder ich komme von zu Hause oder ich bin zu Hause oder ich bin auf dem Weg nach Hause. Nicht jeder nennt ein Haus sein eigen. Das braucht’s auch nicht. Aber eine gewisse Häuslichkeit braucht jeder Mensch. Wo er weiß: Da gehöre ich hin, da habe ich zu tun, da bin ich zuständig. Da trage ich Verantwortung und da schaut jemand auf mich. Da kenne ich mich aus, wie auch: Da muss ich mich auch nach den anderen richten. Da gibt’s Frieden und da gibt’s Konflikt. Aber es ist meine Welt.

Nun erzählt uns heute das Evangelium, dass Jesus ”in das Haus gekommen” war, in das ihm zwei Blinde folgten, lautstark nach seinem Erbarmen rufend. Jesus begegnet ihnen - wie er dies häufig tut – mit einer (Gegen-)Frage: ”Glaubt ihr, dass ich dies tun kann?” . Man wird also Im Hauswesen Jesu nach seinem Vertrauen gefragt, näherhin, ob man ihm denn schon das Erbetene zutraut, ob man ihn für zuständig und stark hält, ob man ihm glaubt, dass er sich für unsereins überhaupt interessiert, ob er sich um mein Geschrei annimmt und um mich selber, der ich manchmal so richtig ”blind” bin, d.h. nicht durchblicke, mich nicht auskenne, den Weg nicht sehe, wie das gehen soll.

Wenn ich zum Haus Jesu gehöre, dann kann ich sehend werden, Klarheit über mein Leben bekommen, wer ich bin und wozu ich auf der Welt bin und was das Ganze überhaupt soll. Dann kann ich mit dem heutigen Tag leben, auch wenn es da und dort hapert, d.h. noch nicht alles stimmig ist, sondern manches in Schieflage.

Mein Leben: immer mehr auf dem Weg ins Haus Jesu sein, auch heute. Dass ich zum Haus Jesu gehöre, sagt mir das etwas?

Josef Fischer, Domkapitular em.


03.12.2020 · Dr. Annette Langner-Pitschmann
Große Hoffnung
Donnerstag der 1. Adventswoche – Mt 7,21.24-27

Wolkenbruch, Wassermassen, tobende Stürme: Matthäus bringt ins Bild, wie sich Bedrohung anfühlt. Hier sind Kräfte am Werk, die sich unserem Einfluss entziehen und unser Dasein zugleich in seinem Innersten bewegen. Eine Dynamik, der wir in diesem Moment machtlos zusehen müssen, von der aber zugleich alles für uns abhängt: Hält unser Haus, oder stürzt es über uns zusammen?

Die Ohnmacht hat im Text von Matthäus allerdings nicht das letzte Wort. Vielmehr lenkt er meine Aufmerksamkeit am Ende der Bergpredigt auf eine Wahl, über die ich verfüge: Beschränke ich mich aufs Hören der Worte Jesu (sie sind ja durchaus erbaulich: Licht, Salz, Lilien, Vögel) – oder entscheide ich mich dafür, „den Willen des Vaters zu tun“, mich
also in meinem Handeln an diesen Worten auszurichten? Allerdings gibt es die Erfahrung, an dieser großen Aufgabe zu scheitern. Es scheint, als ob die Wahl des Baugrunds – Fels oder Sand – nicht immer vollständig in unserer Hand liegt. Dieser „Wille des Vaters“ lässt sich bisweilen beim besten Willen nicht ohne weiteres in die Sprache meines Alltags übersetzen.

Zuversicht gibt es mir, ein Kapitel zurückzublättern. „Dein Wille geschehe“ lautet eine der Bitten, die Jesus den Menschen für die Zwiesprache mit Gott ans Herz legt. Mir kommt vor, dass sich erst im Licht der Vaterunser-Bitte tatsächlich noch ein Felsgrundstück finden lässt. Die große Aufgabe, „den Willen des Vaters zu tun“, kann ich erst angehen, wenn ich meine Grenzen annehmen kann – in der großen Hoffnung darauf, dass alles, was jenseits dieser Grenzen liegt, „geschehe“.

Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


02.12.2020 · Hedwig Beier
Heil werden im Advent
Mittwoch der 1. Adventswoche – Mt 15,29-37

Im heutigen Evangelium erleben wir Jesus als einen, der weiterzieht. Er hält sich nicht für unabkömmlich, er spricht und tut das Seine und geht wieder weiter. Dies ist ihm möglich im Vertrauen darauf, dass die Menschen, denen er begegnet ist, durch die Begegnung mit ihm ihre nächsten Lebensschritte wieder gehen können. Und wir erleben Jesus als einen, der heil macht: Erstarrtes kann sich lösen, ein blinder Fleck kann gesehen werden, notwendende Worte werden möglich, Vertrauen kann wachsen.

Jesus wirkt heilend, er macht die Menschen heil, auch mich. Die Menschen und ihr Heil-Sein liegen ihm am Herzen. Denn weiter heißt es im heutigen Evangelium: Es ist ihm weh ums Herz, er will die Menschen nicht hungrig gehen lassen, damit sie auf dem Heimweg nicht verschmachten. Ich darf ihm heute hinhalten, was heil werden soll in mir, an mir.

Nicht umsonst sagen wir: In ihm kommt das Heil zu uns.

Hedwig Beier, Geistliche Begleiterin


01.12.2020 · Dr. Heike Hötzinger
In dieser Stunde
Dienstag der 1. Adventswoche – Lk 10,21-24

„In dieser Stunde“ – das klingt, als würde es jetzt unmittelbar geschehen. Was ist mit „in dieser Stunde“ im heutigen Evangelium gemeint?

Jesus reflektiert hier in Anwesenheit der 72 Jünger, die er zur Verkündigung der nahen Königsherrschaft Gottes ausgesandt hatte, die gegenwärtige Lage und deutet diese. So greift „in dieser Stunde“ hier zum einen Jesu Weg nach Jerusalem auf, der mit Anfeindungen bis hin zu seinem Tod verbunden ist (Lk 9,51). „In dieser Stunde“ knüpft zum anderen daran an, dass die zurückgekehrten 72 Jünger von ihrem Erfolg ihrer Verkündigung berichten, und Jesus diesen als Zeichen des Anbruchs der Königsherrschaft Gottes deutet. So sagt er ihnen eine „Satan freie Zeit“ zu (Lk 10,18) sowie „Vollmacht über die ganze Macht des Feindes“ (Lk 10,19). „In dieser Stunde“, in der Jesus also seinen Anfeindungen und seinem Tod näher rückt, zeigt sich paradoxerweise zugleich die anfanghafte Ankunft der Königsherrschaft Gottes – welch paradoxe Stunde.

Wie reflektiert und deutet Jesus diese Stunde? – Er „ruft“„vom Heiligen Geist erfüllt“: Damit wird die grundlegende, besondere Nähe Gottes hervorgehoben, die Jesus schon vom Mutterleib an zukommt und ihn somit zum „Sohn Gottes“ macht (Lk 1,35). Diese besondere Gottesbeziehung drückt sich auch in den Worten Jesu aus, denn diese stellen zunächst einen Lobreis auf den „Vater“, „den Herrn des Himmels und der Erde“, dar. Damit verweist Jesus weg von sich selbst auf den absolut mächtigen Schöpfer, den er vertraulich „Vater“ nennt.

Warum preist Jesus Gott? – Weil Gott „das“, d.h. die nahe gekommene Königsherrschaft Gottes, durch die Verkündigung der Jünger und die damit einhergehende Entmachtung „des Feindes“, „den Unmündigen“ offenbart hat. Es geht also um eine Offenbarung der Königsherrschaft Gottes durch Gott bzw. durch den Sohn Gottes, wie auch V 22 unterstreicht: „… niemand erkennt, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand erkennt, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ Diese Aussage konkretisiert Jesus noch einmal in seiner Seligpreisung der Jünger: „Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht. …“ Jesus hat also den Jüngern den Anbruch der Königsherrschaft Gottes und zugleich seine eigene Rolle als Sohn Gottes offenbart. Damit hat er die Jünger mit hinein genommen in die innige Beziehung zwischen Gott, dem Vater, und sich, dem vom Heiligen Geist erfüllten Sohn Gottes. Da die Jünger von Jesus als Verkündiger der Königsherrschaft Gottes mit Vollmacht begabt wurden, feindliche Mächte zu vertreiben, haben sie Anteil an dieser besonderen Gottesbeziehung und können so die Königsherrschaft Gottes mitgestalten.
Mithineingenommensein in die innige Gottesbeziehung zwischen Gott, Vater, und dem Sohn Gottes, bringt also eine Heilszeit mit sich, auch „in dieser (paradoxen) Stunde“.

„In dieser Stunde“ – in meiner jetzigen Situation: Wo empfinde ich mich als hinein genommen in die heilvolle Beziehung zwischen Gott und Jesus? Wo sehe ich trotz widriger Umstände die Königsherrschaft Gottes nahe gekommen oder kann
ihr Nahekommen unterstützen?

Dr. Heike Hötzinger, Dr. theol., Familienfrau


30.11.2020 · Ludwig Raischl
Am Anfang steht die Begegnung
Hl. Andreas – Mt 4,18-22

Es trifft sich gut, dass in diesem Jahr das heutige Fest des Apostel Andreas in die Anfangszeit des Advents fällt. Denn das Evangelium führt uns zu den Anfängen, den Anfängen des öffentlichen Auftretens Jesu. Und am Beginn steht die Begegnung. Jesus ist unterwegs. Er sucht die Menschen in ihrer eigenen Umgebung auf. Er sieht Petrus und Andreas bei der Arbeit und spricht sie an, mitten im Alltag. Und er fordert sie auf, ihm zu folgen.

Warum können sie sofort und ohne Zögern hinter Jesus hergehen? - In Jesus haben die Jünger wohl Gott unmittelbar spüren können. In seiner Nähe haben sie mehr Geborgenheit und Lebenssinn erfahren als sie es je in ihrem Alltag und bisherigem Leben erahnt haben. Jesus hat einen Auftrag für sie. Sie sollen Menschenfischer werden. Sie gehen mit Jesus dorthin, wo Menschen entfremdet leben. Sie künden den Menschen das wirkliche Leben, so wie es von Anfang an gedacht ist. Menschenfischer sein, das bringt eine neue Weite in ihr Leben. In der Jesusbegegnung geht ihnen auf, wer sie sind und was sie einzubringen haben in die Welt, in die sie hineingestellt sind

Getrost können wir diese Adventstage auf Weihnachten zugehen, indem wir unsere alltäglichen Aufgaben tun. Denn wir dürfen mit Jesus rechnen, der uns aufsucht und ein Wort für mich hat, das mich in die Nähe des Himmelreiches führt. Der Advent 2020 bietet erneut die einmalige Gelegenheit, die Zeit zu nutzen und auf Jesus im Wort Gottes zu hören.

Er ist unterwegs, Tag für Tag und sucht die Begegnung. Eine tägliche Zeit der Stille im Advent ist gerade recht zum Lauschen, um den eigenen Namen zu hören und den Auftrag, der mir zugedacht ist für Heute.

Ludwig Raischl, Direktor im Haus der Begegnung


29.11.2020 · Brigitta Neckermann-Lipp
aufgeweckt – wach – wachsam
1. Adventssonntag – Mk 13,33

„Das ist ein aufgewecktes Kind“, heißt es manchmal. Das bedeutet nicht, dass dieses Kind wenig schläft (das vielleicht auch), sondern mehr noch, dass es aufmerksam ist, seine Umgebung wahrnimmt und darauf reagiert, neugierig ist, weil es etwas erleben und erfahren will.

„Bleibt wach!“, „Seid wachsam!“, heißt es im heutigen Evangelium. Damit ist nicht gemeint, dass wir wenig schlafen sollen. „Aufgeweckt sein, wach sein“ heißt es – aufmerksam wahrzunehmen, was mit mir, in meiner Umgebung und in der Welt geschieht.

Und dann zu unterscheiden und darauf zu antworten. Und die Antwort zu finden, die mehr zu Frieden, Gerechtigkeit, Gelassenheit, Liebe führt.

„Dass euch der Hausherr, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend vorfindet“ – das ist eine aufrüttelnde Erinnerung, erwartungsvoll und neugierig zu sein in welcher „Verkleidung“ und um welche Zeit der „Hausherr“ der Welt heute bei mir erscheint. – „Meine Sinne beieinander zu haben“, um zu erkennen, in welcher Weise und worin mir heute Gott begegnet.

Um meine Sinne beisammen zu haben, muss ich ausgeschlafen sein. Und dazu braucht es auch genügend Schlaf. Was nehme ich heute wahr, in mir, in meiner nahen und ferneren Umgebung? Wo sehe ich da Gottes Wirken, wie zeigt sich Gottes Geist?

Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung