Wochenimpulse

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Rebekka Redinger-Kneißl
„Griaß di! Da bin ich wieder!“
3. Woche der Osterzeit

Das Evangelium dieses Sonntags führt die Emmaus-Geschichte, die wir am Ostermontag gehört haben, fort. Die beiden Jünger kehren zurück und erzählen den anderen von ihrem schier unfassbaren Erlebnis. Was da wohl los war!? Staunen, Gemurmel, Nachfragen… Still wird es jedenfalls nicht gewesen sein. Es darf ja auch nicht vergessen werden, in welcher Ausnahmesituation sich die Jünger schon vorher befanden.
Und mitten in diesen Trubel tritt Jesus herein und sagt: „Shalom! Friede sei mit euch!“ – eine Grußformel, die sie schon tausend Mal gehört haben. Vielleicht vergleichbar mit einem „Griaß eich!“ in unseren Breiten. Das wird den Trubel sicher nicht verkleinert haben. Wer mag es den Jüngern verdenken, dass sie glauben einen Geist zu sehen?
„Griaß eich – da bin ich wieder“, sagt Jesus und tut fast so, als ob nichts gewesen sei und fragt, ob denn nichts zum Essen da sei. Ja, da ist er wieder. Und er zeigt ihnen gerne wieder seine Hände und Füße. Er isst gerne wieder mit ihnen und er eröffnet ihnen gerne wieder den Sinn der Schrift.
Er weckt sie auf aus ihrer Trauer und führt „lebhaft“ vor, dass er eben nicht bei den Toten geblieben ist, sondern dass seine Auferstehung ganz real ist.
Und ich heute? Hör ich noch den Gruß Jesu in meinem persönlichen Trubel? In einer Ausnahmesituation befinden wir uns ja Dank Corona alle irgendwie.
„Griaß di!“ Hat das für mich auch etwas Gespenstisches? Dass ich gemeint bin? Dass ich auch Zeuge der Auferstehung bin?
Lass ich mich auch aufwecken aus meiner Trauer über verpasste Chancen, ungenützte Möglichkeiten und meinem allgemeinen Unmut? Lass ich mich ergreifen von der Osterfreude? Von der Möglichkeit der Tischgemeinschaft mit Jesus?
Ein Glück, dass Jesus nicht müde wird, sich mir immer wieder zu zeigen: „Griaß di, da bin ich wieder!“


Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


Josef Fischer
Eine Chance
Weißer Sonntag, 2. Woche der Osterzeit

Joh 20, 19 - 31
Wer kennt die Erfahrung nicht? Da ist ein Tag vergangen - und nichts ist ausgerichtet! Man hat den Eindruck, es ist zu nichts Wesentlichem gekommen. Man fängt an, frustriert zu sein. Also österlich ist so was nicht. Dann aber überschlagen sich die Ereignisse. So geschehen am Ostertag. Am Ur-Ostertag. >Am Abend< kommt Jesus und bringt den Jüngern Frieden. Da ist plötzlich >alles gut<. Frieden – Schalom. Herz, was willst du mehr! Nach dem Karfreitag mit dem Sterben Jesu, nach einer solch niederschmetternden Erfahrung von Feigheit, Flucht und Verrat. Da kommt der Herr und sagt einfach: >Friede euch<. Da brauchen die Jünger nicht mehr lange zu fragen: Ja, lebst denn du wieder? Bist du uns wirklich wieder gut? Nein, sie sind im Frieden. Das kann nur der Herr sein, der da im Raum ist. Er ist es wirklich.
Zur Erfahrung der ersten österlichen Gabe, dem >Frieden<, kommt das zweite Ostergeschenk Jesu: die >Freude<. Über die geht ja bekanntlich nichts und ohne die geht aber auch nichts. Gefreut haben sich die Jünger. Das ist neben dem Frieden der unwiderlegbare Erweis der Gegenwart des Auferstandenen. Aber es bricht jetzt nicht high life aus. Sogleich gibt es die Sendung: Angesagt ist >Sündenvergebung<, zum Dritten und Letzten. Die drei großen österlichen Trumpfkarten. Da haben die Jünger ordentlich zu tun. Es ist schon seltsam. Da geschieht einen lieben langen Ostertag eher wenig. Aber kaum ist es Abend, da passiert fast alles. Nur gut, dass einer gefehlt hat, und es - für alle - die Chance nicht nur des ersten, sondern auch des achten Tages gibt.
Wenn es für alle eine Chance gibt, dann auch für mich. Wie sie wohl heißt?


Josef Fischer, Domkapitular em


Brigitta Neckermann-Lipp
Aber Ja!
Ostersonntag, 4. April 2021

abergeister

kein lob und keine freude
denen nicht der zweifel
auf den fuß folgte
im ja bangt schon das nein
stets stammeln wir
ja aber

wenn man gott nun fragte
ist es gut zu leben
und sinnvoll wahr zu handeln
wird deine liebe mir für immer gelten
seine antwort lautete
aber ja
Andreas Knapp

„Ja, aber“ oder „aber ja!“ – die gleichen Worte – eine andere Bedeutung – ein Perspektivwechsel.
Gottes „Ja“ zum Menschen, zur Menschheit, von Anfang an. Im Buch Genesis heißt es nach der Erschaffung des Menschen, wir haben es in der Osternacht gehört, „es war sehr gut!“
Gottes „Ja“ zur Liebe und zum Leben – in der Auferstehung Jesu. Das verleugnet nicht, dass es den Tod gibt, dass es körperliche und seelische Schmerzen, Leiden, Krankheit, Ungerechtigkeit, Einsamkeit, … das alles gibt. Wir haben in den letzten Tagen von Jesu Einsamkeit am Ölberg und den Grausamkeiten der Kreuzigung gehört.
In der Feier von Kreuzweg, Tod und Auferstehung erfahren wir jedes Jahr, dass Gott den Menschen und die Welt, wie sie eben ist, ernst nimmt. Und zugleich, dass es eine Kraft gibt, die hindurch und darüber hinaus führt – Gottes Liebe.
Gott legt uns einen Perspektivwechsel vor: nicht der Tod ist das Letzte, sondern das Leben, nicht den Kopf senken im Hinunterschauen, sondern den Kopf heben, im Aufblicken, nicht Leid und Einsamkeit, sondern Freude und Gemeinschaft haben das letzte Wort.
Das muss uns immer wieder gesagt werden, damit wir es immer mehr ein Stück glauben können. Darum feiern wir jedes Jahr Jesu Auferstehung mit Feuer und Freude und Gloria – damit wir immer wieder und immer mehr hineinschwingen in Gottes „Ja“ zum Menschen. Einen Versuch ist das wert: immer wieder mal einschwingen in Gottes „Ja“ und innerlich „Ja“ sagen, zu den Menschen, die ich liebe, zu den Menschen, mit denen ich mich schwer tue, zu mir selbst … „aber ja!“


Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung


Rebekka Redinger-Kneißl
Näher mein Gott zu dir
Karfreitag

Nearer my God to thee – Näher mein Gott zu dir. So lautet der Titel eines von Sarah Flower Adams verfassten Chorals aus dem Jahr 1841. Es ist eines der weitverbreitetsten Beerdigungslieder im anglo-amerikanischen Sprachraum. Der deutschsprachigen Öffentlichkeit ist es spätestens seit der Titanic-Verfilmung ein Begriff. Es ist das letzte Lied des Boardorchesters bevor das Schiff sinkt. Auch der Gründer des Fernsehsenders CNN, Turner, kündigte an, dass CNN bis zum Weltuntergang senden werde und das letzte Lied vor der Abschaltung wird „Nearer my God to thee“ sein.
Mit Jesu Tod ging sicher für viele seiner Weggefährten die Welt unter. Wenn wir mit dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert werden, geht für uns eine Welt unter.
Der Karfreitag erinnert uns nicht nur an das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesus Christus, er rückt auch diesen Schmerz über das unweigerlich kommende Ende in unser Bewusstsein.
Welch tröstende Vorstellung im Angesicht des Todes da schon der erste Vers des Chorals bereithält – näher mein Gott zu dir. Es ist Ausdruck einer tiefen Hoffnung, dass mit dem Tod nicht das absolute Ende greift, dass der Tod nicht der tiefe Fall ins Nichts bedeutet, sondern dass der Tod ein Eingehen ist, in die unmittelbare Nähe Gottes.
Die Hingabe seines eigenen Sohnes am Kreuz, die Tatsache, dass Gott Jesus das Ende nicht erspart hat, ist Zeichen der unbegreiflichen Liebe, die er gegenüber uns Menschen hat. Es ist diese unendliche Liebe, die uns - frei nach Karl Rahner - die Gewissheit schenkt, dass wir in unserer tiefsten Nacht noch immer von Gott gehalten sind.
Indem Jesus das Kreuz für uns auf sich nimmt, indem er den Tod auf sich nimmt, öffnet er das Tor für uns in eine andere Wirklichkeit: Näher mein Gott zu dir.

Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


Ludwig Raischl
Da er die Seinen liebte
Gründonnerstag Joh 13,1-15

Dieses wunderbare Photo der hell erstrahlten Kathedrale von Reims, in der Nacht aufgenommen von Hans Mitterer, fasziniert und zieht in den Bann. Die gesamte Heilsgeschichte ist in Szene gesetzt an der Fassade. Der Bau ist fest gegründet und ragt gen Himmel, die ganze Architektonik verweist nach „oben“. In der dunklen Nacht erscheint der erleuchtete Kirchenbau noch intensiver.
Beim Betrachten des Bildes kommt mir das Grünabendmahlsgeschehen in den Sinn. Wie im Brennglas leuchtet der Grund des Kommens Jesu in unsere Welt scharf auf. Aus purer Liebe, aus Liebe bis zum Ende ist er Mensch geworden, da er die Seinen liebte (Joh 13,1b). Er ist „herabgestiegen“ zu uns, die Waschung der Füße versinnbildlicht diesen Herunterkommen noch einmal. Sein Liebesweg führt noch weiter nach unten bis in das Reich des Todes.
Zwei menschliche Reaktionen auf dieses Herunterkommen werden im heutigen Evangelium berichtet. Die eine Reaktion ist die des Judas. Vom Teufel ist die Rede, Dunkelheit erfüllt das Herz des Judas. Ob aus Enttäuschung oder aus Gier, die Gründe des Verrates bleiben bis ins Letzte im Dunklen. Nacht pur!
Die zweite Reaktion wird von Petrus erzählt. In seiner Direktheit will er sich von seinem Herrn auf keinen Fall die Füße waschen lassen. Er will nicht, dass sich Jesus klein macht vor ihm. Erst im Nachhinein wird Petrus klar, dass die Weise des Dienens im Letzten keine Erniedrigung darstellt, sondern ein Akt der Liebe ist. Wie notwendig diese dienende, lateinisch ministeriale, Haltung gerade auch in der gegenwärtigen Zeit ist, steht außer Zweifel. Immer wieder führen Spuren der unverantwortlichen Machtausübung sowohl in der Kirche wie auch in Politik und Gesellschaft ins Dunkle. Nacht pur!
Jesus nimmt diese Dunkelheit auf, nach dem Abendmahl ringt er am Ölberg mit sich und seinem Vater um diesen Weg der Liebe bis zum Ende, bis zur Vollendung. Für Jesus ist es der Weg des Hinübergehens zum Vater: durch den Tod zum Leben, vom Dunkel ins Licht. Leichter ist es nicht gegangen. Das Photo zeigt uns die Strahlkraft dieses Tuns. Gott sein Dank! Es mag den Unterschied zwischen Petrus und Judas ausmachen, dass sich der eine lieben lassen konnte, der andere nicht.
Eine Gründonnerstagsfrage lautet: Wie geht‘s mir mit dem “Sich lieben lassen“?


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST


Rebekka Redinger-Kneißl
Achterbahnfahrt der Gefühle
Palmsonntag, 28.3.-3.4.2021

Die zwei Lesungen aus dem Markusevangelium, die uns an diesem Palmsonntag geschenkt werden, nehmen uns mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt.
Da ist zunächst der Einzug nach Jerusalem. Die Leute laufen auf die Straße, um Jesus zu sehen. Sie ziehen ihre Kleider aus, um ihm den Weg zu ebnen. Heute würde man sagen, sie rollen den roten Teppich für ihn aus. „Hosanna! Hosanna!“ – so schallt es durch die Luft. „Herr, hilf uns!“ Adrenalin pur, eine Welle der Begeisterung, die Jesus trägt. Denn mit ihm zieht der Retter ein.
Auch wir dürfen Jesus zujubeln, dürfen andere mit unserer Begeisterung anstecken. Ja, wir dürfen lebendige Zeugen sein. Und - sogar unser letztes Hemd dürfen wir vor ihn hinlegen. Wir dürfen uns vor Jesus die Blöße geben, denn er wird uns retten.

Von dieser Rettung erzählt uns dann die Passion.
Die Stimmung kippt. Die Begeisterungsstürme machen Platz für Verrat, Angst, Verzweiflung, Wut und Ohnmacht. Am Ende ist der rote Teppich eingerollt, der Weg steinig und vom Blut durchtränkt. Die jubelnde Menge weicht einem wütenden Mob, der „Kreuzige ihn!“ statt „Hosanna!“ ruft. Und diesmal ist es Jesus, der trägt. Er trägt das Kreuz, das mit der Schuld und dem Versagen der gesamten Menschheit beladen ist.
Auch wir stehen da am Wegesrand mit unseren Versäumnissen und drücken das Kreuz nach unten. Dort wo wir einander die Liebe schuldig bleiben, da erschweren wir den Weg. Wir müssen hilflos zusehen.

Vergönnt uns denn der Palmsonntag nicht, dass wir Jesus einfach nur feiern? Dass wir das Leben mit ihm genießen? Muss denn das Leiden und Sterben, das „grausige Ende“ gleich wieder erwähnt werden?
Der Palmsonntag steht unter Spannung. Diese Ambivalenz gilt es auszuhalten. Denn nicht beim Bad in der Menge, wird unsere Rettung offenbar, sondern in der dunkelsten Stunde – wenn das nicht der eigentliche Grund zum Jubeln ist.



Rebekka Redinger-Kneißl, Theol. Referentin im Haus der Begegnung


DK Dr. Anton Spreitzer
Beziehung - Quell unseres Lebens
Gedanken zum 5. Fastensonntag

Einsamkeit – wohl wenige Worte bringen die Situation vieler Menschen in den zurückliegenden Monaten der Corona-Krise treffender auf den Punkt.
Doch ist das „Phänomen Einsamkeit“ nicht erst seit Corona in der Welt.
Viele, die sich mit der geistigen Konstitution unserer Gesellschaft und Kultur beschäftigen, attestieren unserer westlichen Lebensweise eine weite Verbreitung von Einsamkeit.
Dabei ist es unerheblich, ob man in einer Großstadt mit ihren Menschenmassen lebt, in kleineren Konglomeraten oder in einem Dorf – die rein quantitative Zuhandenheit von Menschen ist noch kein Gradmesser für Einsamkeit.
Warum?
Weil es für uns Menschen nicht auf die Quantität, sondern auf die Qualität unserer Beziehungen ankommt.
Auch das ist eine Erkenntnis, die längst schon vor Corona auf dem Tisch lag, uns aber unter den gegenwärtigen Umständen spürbarer bewusst wird als zuvor.
„Social Distancing“ als Heilmittel für das Überleben – wer hätte sich das als Motto für die ganze Weltgesellschaft noch vor einem Jahr vorstellen können! Und noch ist nicht absehbar, wie lange dieses Motto noch in Geltung bleiben wird.

Sicher, die Abstandsregel ist eine äußerst wirksame Gegenstrategie zur Bekämpfung der Pandemie. Und nur Verantwortungslosigkeit (sich selbst und anderen gegenüber) kann Menschen veranlassen, diese Regel nicht zu beachten.
Dennoch: Was mit uns als Menschen passiert, wenn wir über einen längeren Zeitraum so leben, wird uns je länger die Pandemie anhält je mehr bewusst.
Es zeigt sich, dass das, was wir als Christen vom Menschen glauben, doch nicht einfach nur irgendwie ausgedachtes kluges Gerede ist. Vielmehr macht uns Corona – vielleicht so deutlich wie nie zuvor – bewusst, wie wahrhaftig der christliche Glaube den Menschen sieht: fundamental als Beziehungswesen, das nicht nur vom Brot allein lebt.
So wichtig wie die Nahrung für den Leib ist die Nahrung, die dem ganzen Menschen Kraft gibt: Worte, Gesten, Berührungen, erfahrene Gemeinschaft, Begegnung usw. Das sind keine netten Zutaten zum „Eigentlichen“ des Menschen. Die geistig-geistliche Existenz ist mindestens ebenso „eigentlich“ menschlich wie seine physische.

Von Einsamkeit spricht Jesus auch im heutigen Evangelium:
„Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ (Joh 12,24)
Es ist eines der tiefen Worte, die uns die eigene Logik präsentiert, unter die sich der stellt, der Jesus nachfolgt.
Einsamkeit wird nicht überwunden durch äußere Anhäufung oder Vermehrung (Quantität), sondern durch – HINGABE!
Wer bei sich bleibt, mag auf seine Kosten kommen – aber nur bis zum Ende seiner Tage. Das kann nur den befriedigen, der an kein ewiges Leben glaubt oder glauben will.
Doch Jesus lehrt uns ganz unzweideutig: dieses Leben zwischen leiblicher Geburt und leiblichem Tod ist nicht alles; es ist ein Abschnitt, ein Durchgang, eine Passage in etwas Größerem, etwas, das über den Tod hinaus- und in das hineinreicht, was wir „Ewigkeit“ oder „Himmel“ nennen – und das ganz wesentlich damit zu tun hat, dass dort unsere BEZIEHUNG zu Gott, dem Quell unseres Lebens, in ihrer ganzen Tiefe und Erfüllung offenbar wird!
Jesu Logik aber ist nicht nur eine Sache des „Danach“. Jetzt schon ist es an uns, nach ihr zu leben, sie zu realisieren: „Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben.“ (Joh 12,25)

Einsamkeit ist tödlich.
Sie „zer-nicht-et“ nicht nur unser Leben diesseits der Todesgrenze, sondern auch das jenseits derselben.
Wo Einsamkeit grassiert, bleibt nichts mehr übrig von uns.
Corona ist vielleicht eine heilsame, wenn auch schmerzhafte und leidgesättigte Erinnerung an etwas Entscheidend-Christliches:
Die Qualität unseres Lebens, die Qualität unserer Jesusnachfolge hängt an der Qualität unserer Beziehungen – zu Gott und zum Nächsten. Und zu uns selbst.


DK Dr. Anton Spreitzer, Domkapitular, Leiter Hauptabteilung Bildung und Evangelisierung im Bistum Passau

Bild: Jose Carlos Pinheiro (Bild, Detail) / arteportasabertas.com / Peter Weidemann (Foto) In: Pfarrbriefservice.de


Dr. Heike Hötzinger
Entschieden werden
4. Fastenwoche 14.-20.3.2021

Wie geht es mir mit Entscheidungen? – Manche fallen mir leichter, manche schwerer und werden deshalb auch hinausgezögert. Dann frage ich mich eventuell, warum ich mich überhaupt entscheiden muss? Wenn aber eine schwerere Entscheidung getroffen ist, merke ich, dass sie mich erleichtert, weil sie mir Klarheit, Halt und Orientierung gibt und mir ermöglicht, Ziele verfolgen zu können.
Auch Jesus spricht im heutigen Evangelium in gewisser Weise über Entscheidungen und darüber ‚entschieden zu werden’, wenn er zu Nikodemus über sich selbst als Menschensohn und über himmlische Dinge redet, die in der Zukunft liegen. Dabei beginnt er mit zwei unglaublich hoffnungsvollen Zusagen:
(1) Jeder, der an den Menschensohn bzw. an Jesus als Sohn Gottes glaubt, soll ewiges Leben haben (Joh 3,14.15.16).
(2) Gott hat seinen Sohn in die Welt gesandt, damit die Welt durch ihn gerettet wird (Joh 3,17).
Erst danach spricht Jesus vom Gericht, also einer Instanz, in der Entscheidungen gefällt werden, ‚entschieden wird’. Auch dabei beginnt Jesus erneut mit der positiven Aussage: Wer an den Sohn Gottes glaubt, wird nicht gerichtet (Joh 3,18). Allerdings fügt er auch das negative Pendant hinzu: Wer nicht glaubt, ist schon gerichtet (Joh 3,18). Diese beiden Kontraste werden zusätzlich durch die Schilderung des Gegenübers von Licht und Finsternis bzw. bösen Taten und Tun der Wahrheit veranschaulicht (Joh 3,19-21). Mit diesen stark kontrastierenden Polen zeigt Jesus uns also auf, für welche Seite wir uns ‚entscheiden’ sollen, um nicht gerichtet zu werden, sondern um ewiges Leben zu haben: Wir sollen an Jesus, den Sohn Gottes glauben, das heißt ‚entschieden’ werden (so bedeutet auch das griechische Wort pisteuo, nicht nur „glauben“, sondern auch „fest überzeugt sein“). Damit ist zugleich nämlich schon das Gerichtsurteil für den Glaubenden ‚entschieden’: Ewiges Leben.
Deutlich wird damit also, dass unsere Entscheidungen, unser Glaube im Hier und Jetzt und unser entsprechendes Handeln absolut ‚entscheidend’ für die Zukunft, ja sogar für das (End-) Gericht sind.
Entscheidungen kosten allerdings auch Mut und benötigen Vertrauen. Wenn Jesus aber ewiges Leben und Rettung der Welt als Ziel für die Glaubenden vor Augen stellt, gibt das Hoffnung und macht Mut. So wünsche ich uns viel Mut und Vertrauen, um zu glauben und damit ‚entschieden zu werden.’


Dr. Heike Hötzinger, Dr. Theol., Familienfrau


Ludwig Raischl
Ob es reicht?
3. Fastenwoche, 7.-13.3.2021

Joh 2, 13-25
„Ob es reicht?“ – diese Frage stand bei der online-Begegnung mit der Bibel plötzlich im Raum. Und es folgte eine lange Stille. Zum Glück hatte niemand aus der Runde eine schnelle Antwort parat, welche die Tiefe dieser Frage nicht ausloten hätte können. Denn diese Frage will ernst genommen werden.
Ob es reicht – eine zutiefst menschliche Frage. Da ist die Athletin, die beim Wettkampf im Zielraum abgekämpft und außer Atem bange auf die Anzeige schaut, ob es für eine gute Platzierung gereicht hat. Da wartet die Klasse auf die Verkündigung des Prüfungsergebnisses und hofft, dass der Abschluss erfolgreich bestanden ist. Da ist das Kind, das eine häusliche Arbeit zu erledigen hat und unsicher ist, ob die Eltern nun auch zufrieden sind.
Da sind die Menschen, die im Tempel von Jerusalem ein Tier- oder Geldopfer geben aus Dankbarkeit oder als Bitte oder einfach, weil es vorgeschrieben ist. Und da sind die Händler, die daraus ein Geschäft machen. Jesus sieht das und jagt die Händler, nicht die Menschen mit ihren Anliegen, aus dem Tempel.
Was erzürnt Jesus so stark? Nicht, dass die Leute mit dem Ihren zum Allerheiligsten kommen, dass sie etwas geben oder zurückgeben wollen und hoffen, dafür etwas zu bekommen. Nein. Jesus erzürnt der Handel, das Geschäft und die Betriebsamkeit dazu, der den Blick auf das Allerheiligste verstellt. Er will uns weiter- und hineinführen in den Tempel, in das Haus des Vaters, wie es heißt. Jesus geht es um die Begegnung mit dem himmlischen Vater. Dieser Begegnung darf nichts im Weg stehen. Im Haus des Vaters ist der Platz für das Sehen und Gesehen werden und es ist auch Platz für die persönliche Frage, ob es reicht.
Jesus geht mit seiner bildlichen Antwort auf die kritische Nachfrage der Juden noch weiter: in drei Tagen werde ich den Tempel meines Leibes wiederaufbauen. Er gibt sein Leben für uns, er lässt sich ans Kreuz schlagen, er geht hinab in die tiefste Tiefe des Todes und wird auferweckt am dritten Tag. Jesus lenkt den Blick bei der Frage, ob es reicht, weg von unseren Leistungen. Er antwortet mit seinem Leben und bietet uns so eine Lösung an - Erlösung.


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST

Foto: Hans Mitterer


Dr. Annette Langner-Pitschmann
Wenn Gott sich zeigt
2. Fastenwoche 28.2. - 6.3.2021

Vor kurzem – siehe Markus 8 – war noch alles ganz anschaulich und normal. Jesus saß mit seinen Jüngern beieinander und sprach mit ihnen darüber, was es mit dem Reich Gottes auf sich hat. Heute, „sechs Tage danach“, werden wir Zeuginnen und Zeugen einer Szene, die dagegen wirkt wie ein Traum. Nachdem er mit drei Jüngern auf einen hohen Berg gestiegen ist, wird Jesus auf unerklärliche Weise verwandelt. Mose und Elija – Figuren aus der fernen Vergangenheit – treten auf; alle Beteiligten werden von einer Wolke überschattet, aus der eine Stimme zu hören ist, bevor der Zauber schließlich mit einem Schlag vorüber ist.
Die Szene hat ein Vorbild im Buch Exodus (24), wo Mose mit ausgewählten Begleitern den Sinai besteigt, um dort nach sechs Tagen des Wartens die Stimme Gottes aus der Wolke zu hören. Dort nutzt Gott seinen starken Auftritt, um Mose detaillierte Anweisungen zur Architektur des geplanten Heiligtums zu geben. Hier, in der Markuserzählung, fasst er sich deutlich kürzer: „Dies ist mein geliebter Sohn. Auf ihn sollt ihr hören.“
Das eigentliche Thema Gottes ist in beiden Fällen das Gleiche: Die Menschen sollen wissen, in welcher Weise er unter ihnen wohnen möchte. Das Heiligtum des Exodus und die Person Jesu gleichen sich darin, dass sie Berührungspunkte zwischen Gott und Mensch sind.
An der Erzählung von Markus fasziniert mich dabei zweierlei. Zum einen legt sie nahe, dass wir Gott dann begegnen, wenn wir „auf Jesus hören“. Nicht die Anbetung oder der Dienst stehen an der allerersten Stelle der Gottesbegegnung, sondern die ungeteilte Aufmerksamkeit für das Wort. Aus dieser Aufmerksamkeit folgt alles andere.
Zum anderen berichtet Markus nicht einseitig von der spektakulären Inszenierung Gottes, sondern zugleich auch von der hemmungslosen Überforderung des Menschen. Ganz ruhig kommentiert er den einigermaßen sinnlosen Vorschlag des Petrus, drei Hütten zu bauen, mit den Worten: „Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte.“
Gott lässt uns nicht allein mit der Frage, wie wir seine Nähe suchen können. Sollten wir uns vor dieser unerwarteten Begegnung zunächst einmal in eine Übersprungshandlung retten, so wissen wir dank Markus’ Hinweis: Das ist normal. Ich finde, das sind zwei ausgesprochen menschenfreundliche Gesten, die uns spüren lassen, dass die Szene auf dem Gipfel in all ihrer Rätselhaftigkeit genau für uns gemacht ist.


Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


Josef Fischer
Mit Jesus, mit Tieren und mit Engeln
1. Fastenwoche 21. - 27.2.2021

Jedes Jahr gibt’s die Zeit der Chance. Vierzig gewöhnliche Tage gehen eigens her. Wie’s mir heuer geht mit ihnen oder, besser gesagt: mit mir…
Wie ist es denn Jesus ergangen? Er fand sich vor. Unspektakulär. >Und er war in der Wüste vierzig Tage, versucht werdend vom Satan<. Dorthin hatte ihn die reine, unwiderstehliche Kraft der Liebe Gottes, der Heilige Geist, getrieben. Jesus, ein Getriebener also. Wer oder was treibt nun mich? So dass ich in die Herausforderungen und Erprobungen gerate. Wo ich viel zu hören bekomme und eins davon auswähle: Werde wach. Lebe auf. Gebrauche deine Sinne. Schau um dich und geh in dich. Mach dir nix vor. Sei auf der Hut. Stell dich ein. Lass zu, dass dir die Wirklichkeit begegnet. Halte dein Leben aus. Mensch, werde wesentlich. Lerne lieben. Es kann sein, dass ich auf einmal ausrufe: Deife, Deife. Dann soll ich mich nicht drausbringen lassen. Das möchte der Satan. Aber Gottes guter Geist steht hinter allem. –
Jesus war nicht nur in der Wüste. >Er war bei den Tieren<. Weiß der Evangelist Markus. Früher haben wir manchmal in der Runde gespielt: Was wäre die (zu erratende) Person, wenn sie ein Tier wäre? Vorsicht, das Spiel ist ernst. Sonst wäre es ja kein Spiel. Bin ich hier im Zoo, frage ich mich dann und wann? Was sollen all die Viechereien? Jesus, der über alle Maßen Menschliche, er hält es beim Tierischen aus. Hat er es integriert? Der Gottessohn? –
>Und die Engel dienten ihm<. Sie sagen mir wie damals Jesus: Wir hüten dich. Sei du nur selber auf der Hut (sieh oben). Wie gut, dass es die Engel gibt. Nicht nur für jedes Kind, das in dieser Welt sein Nest sucht. Für jeden Menschen. Für die Verstorbenen: >Zum Paradies mögen Engel dich geleiten<, singen wir ihnen auf dem Weg zum Grab. Für die ganze Schöpfung.-
Vierzig Tage ist nun Zeit. Es heißt nicht: Die Zeit läuft mir davon. Es ist zu wenig Zeit. Nein, es heißt: die Zeit ist erfüllt. Freu dich in ihr. Zeit ist in Fülle. Das Reich Gottes ist nahe. Also, was liegt näher, als dass ich mit anderen zusammen umkehre und an das Evangelium glaube.


Josef Fischer, Domkapitular em.


Ludwig Raischl
Sich berühren lassen und berühren
7. Kalenderwoche 14.-20.02.2021

Mk 1,40-45
Es gibt Geschichten, die einen berühren. Eine solche wird heute erzählt. Ein Aussätziger kommt ins Spiel. Einer, von dem eine Ansteckungsgefahr ausgeht und der deswegen abgesondert leben muss – über Jahre, meist ein Leben lang. Er hört von Jesus, der heilend unterwegs ist und der ihn, den Unreinen, rein machen kann. Das weckt seine Lebenskräfte, er rafft sich auf, er überwindet die Isolierung und kommt zu Jesus. Er drängt sich geradezu auf.
Wie reagiert Jesus? Als Erstes lässt er sich berühren. Das Leid des Aussätzigen lässt ihn nicht kalt. Wörtlich heißt es, dass es Jesus bis an die Eingeweide, bis ins Innerste geht. Es ward ihm weh ums Herz angesichts des Elends, das ihm gegenübersteht. Das tut gut zu erfahren, dass uns in Jesus ein Mensch durch und durch begegnet, der sich in die Not einfühlt und nicht hinter Vorschriften zurückzieht. Jesus, ganz Mensch! Als Zweites berührt er den Aussätzigen. Jesus scheut den Kontakt nicht, er lässt körperliche Nähe zu. Es geschieht Begegnung. Jesus kommt dem Aussätzigen nahe. Der Aussätzige seinerseits hält dies aus und lässt sich berühren. Schließlich spricht Jesus ein Wort, klar und wirksam: Ich will, werde rein! In diesem Wort begegnet uns eine andere Wirklichkeit, die über das rein menschliche Verstehen hinausgeht. Hier begegnet uns Jesus, durch den Gott selber spricht!
Eine berührende Geschichte! Und Berührung ist wichtig, besonders in diesen Tagen, in denen uns oft Distanz auferlegt ist. Vielleicht finde ich mich im Aussätzigen wieder an einem Punkt, wo ich nicht mit mir im Reinen bin. Oder ich sehe mich in der Spur Jesu und lasse mir eine konkrete Not nahe gehen. Wenn dann noch ein aufbauendes Wort über die Lippen käme, das wär ja wunderbar!


Ludwig Raischl, Direktor Haus der Begegnung HEILIG GEIST

Foto: Hans Mitterer


Dr. Annette Langner-Pitschmann
Gekommen, um zu befreien
6. Kalenderwoche 7.2. - 13.2.2021

Die ganze Stadt vor der Tür – und alle erhoffen sich von Jesus die Heilung von ihren körperlichen und seelischen Leiden. Jesus beantwortet diese geballte Hoffnung auf unterschiedlichen Wegen. Zunächst einmal erfüllt er die hohe Nachfrage und heilt immerhin „viele, die an allen möglichen Krankheiten litten“. Dann aber kommt ein Moment, in dem er sich gegen die Erwartungen abgrenzt und sich zum Gebet zurückzieht. Schließlich entscheidet er, die Menge der hoffenden Menschen stehen zu lassen und seine Verkündigung in den Nachbardörfern fortzusetzen.

Was aber ist das für eine Entscheidung? Auf den ersten Blick kommt es mir vor, als ginge es um die Frage der richtigen Verteilung begrenzter Ressourcen. Dann hieße die Botschaft: Im Dienst am Menschen ist es wichtiger, dass ein möglichst großer geografischer Radius abgedeckt wird, als dass an einem einzelnen Ort möglichst alle erreicht werden.

Beim näheren Hinsehen scheint allerdings ein ganz anderes Motiv hinter Jesu Entscheidung zu stehen. Sein Ziel ist es nicht, im Alleingang möglichst viele Menschen von ihren Leiden zu erlösen. Sein Ziel ist es, durch sein Wort und seine Taten möglichst viele Menschen dazu zu bewegen, zur Heilung und zur Befreiung anderer Menschen beizutragen. Jesus dient, um uns zum Dienst an Anderen zu befähigen.

Jesus legt in dieser Entscheidung eine beneidenswerte Klarheit an den Tag: „Dazu bin ich gekommen“. Diese Klarheit mag es übrigens auch gewesen sein, aus der heraus die Schwiegermutter des Petrus den direkten Weg vom Krankenbett zum Dienst in der Küche nimmt (auch wenn ich persönlich finde, sie hätte sich nach der schnellen Heilung durchaus erst einmal Zeit für sich selbst nehmen sollen). Diese Klarheit darüber, wozu wir gekommen sind und wo unser Dienst hier und heute beginnen sollte, wünsche ich uns von Herzen.

Dr. Annette Langner-Pitschmann, Professorin für Theologie in globalisierter Gegenwart


Josef Fischer
Von einem, der eins mit sich ist
5. Kalenderwoche 31.1. - 6.2.2021

Mk 1,21-28
Wie hätten Sie’s denn gern? So kann man beim Einkaufen im Metzgerladen gefragt werden oder wenn man im Gasthaus sein Essen bestellt: Medium oder durch? Dass die Einzelnen zu ihrem Recht kommen und nach Wunsch bedient werden, das ist im Interesse des Kunden und des Anbieters. –
Wie wird denn hier gelehrt? Fragt so, wer für eine wirkliche Botschaft steht, wer wirklich etwas zu sagen hat? Von Jesus heißt es, als er in der Synagoge von Kafarnaum auftritt, dass er lehrt, wie einer der Vollmacht hat und nicht wie die Schriftgelehrten. Wie sind sie denn aufgetreten, die Schriftgelehrten? Korrekt, ordentlich, so dass du nicht ankommst gegen sie? Oder rechthaberisch und selbstgerecht wie die Besserwisser zu allen Zeiten? Oder auch begütigend und besänftigend, um nur ja niemandem zu nahe zu treten? Wir wissen es nicht. Jesu Auftreten jedenfalls ist von anderer Qualität. Er richtet sich nicht nach dem, wie man‘s gerne hätte. Er hat eine Botschaft und er ist eins mit ihr. Und eins mit sich. So was hat man noch nicht erlebt gehabt, in Kafarnaum, bis dato. So was, oder besser: so jemanden. Kein Wunder, dass sie außer sich geraten, die guten Leute von Kafarnaum. -
Und da ist noch ein anderer, der außer sich ist, in ganz anderer Weise außer sich, der nicht bei sich selbst, nicht Herr seiner selbst ist, ein Mann mit einem unreinen Geist. Der kommt bei Jesus an den rechten. Jesus, der ganz bei sich ist, gibt den zerrissenen und entfremdeten Menschen sich selbst zurück, macht ihn wieder heil. Kein Wunder, dass sie alle erschrecken. Sie waren ja nur in die Synagoge gekommen, wie immer, und dann so was. –
Wer in die Kirche kommt, begegnet hoffentlich Jesus. Damit ist zu rechnen. Wer mit Jesus in Kontakt kommt, kommt möglicherweise zu sich. Das ist drin. Vielleicht anders als man’s für gewöhnlich gerne hätte. Aber so, dass es guttut.


Josef Fischer, Domkapitular em.

Foto: Hans Mitterer


Ludwig Raischl
Erfüllte Zeit
4. Kalenderwoche, 24. - 30.1.2021

Mk 1,14-20

Die Zeit! Wir alle haben unsere Erfahrungen mit ihr. Da läuft die Zeit davon. Vor allem, wenn etwas bis zu einem gewissen Datum fertig sein muss: in der Arbeit eine Aufgabe oder privat ein Antrag, der eilt, oder ein Gespräch, das man liebend gern hinausschieben würde … . Im Gepäck tragen viele ungute Erinnerungen an Prüfungen mit sich, die beim bloßen Drandenken noch Angstgefühle hochsteigen lassen, weil man mit einer Aufgabe nicht fertig geworden ist. Die alten Griechen nannten diese Zeit Chronos, die Zeit, die nicht anzuhalten ist und gnadenlos verrinnt.

Jesu erste Worte im Markusevangelium drehen sich auch um die Zeit. Erfüllt ist die Zeit, ruft er den Menschen damals zu. Für Zeit steht hier das Wort Kairos. Der Kairos ist die Zeit, die beim Schopf gepackt werden will. Der Kairos ist die gute Gelegenheit, die nicht versäumt werden darf. Auch diese Erfahrung ist uns nicht fremd. Plötzlich ist ein Augenblick da, in dem es einfach schön ist. In einer Begegnung stellt sich gegenseitiges Verstehen ein. Das tut gut und stärkt. Wenn sich zwei Menschen kennen und lieben lernen, wenn es „gefunkt“ hat, dann ist der Kairos da. Mit Jesus kommt uns diese günstige Gelegenheit zur wahren Begegnung nah. Auch heute ruft er uns Menschen zu: Erfüllt ist die Zeit! Dieser Zuruf gilt allen, besonders denen, die mitten in bedrängenden Chronoserfahrungen stecken und die nicht aus dem Hamsterrad des Immer-Schneller und Immer-Mehr herauskommen. Wem Jesus begegnet, für den bleibt die Zeit stehen und es wird erfüllte Zeit. So ist auch zu verstehen, dass Andreas und Petrus beim Ruf Jesu alles liegen und stehen lassen und mit ihm gehen. Sie werden zu Menschenfischern, die andere in diese Erfahrung mit Jesus führen wollen, in der die Zeit wie still zu stehen scheint und erfüllt ist.

Der aktuelle Lockdown bietet die günstige Gelegenheit, sich Augenblicke der Ruhe zu gönnen, in der Stille ein Wort Jesu zu hören und mit ihm in ein vertrautes Gespräch einzutreten, von Herz zu Herz, wo alles gesagt werden darf. Dieser Kairos bietet sich auch in dieser Woche an. Erfüllte Zeit eben!


Ludwig Raischl, Direktor im Haus der Begegnung Heilig Geist


Brigitta Neckermann-Lipp
Wo wohnst Du?
3. Kalenderwoche, 17. - 23.1.2021

Joh 1, 35-42
Ich finde das immer interessant, zu sehen wo und wie jemand wohnt. Die Einrichtung, die Bücher, die im Regal stehen, die CD-Sammlung, … sagen etwas aus – und leicht kommt man darüber miteinander ins Gespräch. Und darum geht es ja: in Beziehung zueinander zu kommen.
„Wo wohnst du?“ fragen zwei Jünger Jesus bei ihrer ersten Begegnung. Jesus nennt ihnen nicht die Straße oder das Haus, sondern lädt sie ein zur Begegnung: „Kommt und seht“. Die beiden Jünger müssen sich bei Jesus daheim wohlgefühlt haben und vermutlich hat es sie beeindruckt, was sie erlebt haben, schließlich sind sie den ganzen Tag geblieben und erzählen später auch anderen davon.
„Komm und sieh!“, sagt Jesus auch zu mir und lädt mich ein, zu ihm „nach Hause“ und mit ihm in Beziehung zu kommen. Ein Besuch bei einem Menschen kann verschiedene Anlässe und Formen haben. Und so kann auch mein Kommen dorthin, wo Jesus “wohnt“, unterschiedliche Formen haben: z.B. mich mit seinen Taten und Worten beschäftigen, indem ich einen Abschnitt in der Bibel lese, im Gottesdienst ihm nahe sein, ihn auf einen Spaziergang mitnehmen und ihm erzählen, was mich gerade beschäftigt, ihn in jedem Menschen sehen, der mir begegnet …
Wann lasse ich mich in dieser Woche zu Jesus “daheim“ einladen?!
Vielleicht mag ich in dieser Woche auch mit jemandem Kontakt aufnehmen und eine „Wohnungsfrage“ als Aufhänger nützen: „Blüht bei dir der Weihnachtskaktus wieder so schön?“ oder „Hast du eigentlich das neue Buch von xy? Wie findest du es?“ …

Brigitta Neckermann-Lipp, Referentin im Haus der Begegnung

Foto: Hans Mitterer